
Der schönste Ort in Ulm? Die meisten fahren einfach daran vorbei.
Der Irrtum mit dem Glück
Wenn wir einen schönen Tag erleben wollen, machen wir oft etwas ziemlich Merkwürdiges. Wir setzen uns ins Auto, fahren eine Stunde zum Bodensee, stehen dort im Stau, suchen einen Parkplatz und posten anschließend ein Bild mit der Überschrift: „Endlich mal raus aus dem Alltag.“ Dabei gibt es in Ulm einen Ort, den viele Menschen noch nie gesehen haben, obwohl sie regelmäßig daran vorbeifahren.
Der Hermannsgarten am Kuhberg ist kein Geheimtipp. Eigentlich ist er sogar ziemlich offensichtlich. Und vielleicht wird er genau deshalb übersehen. Keine spektakuläre Aussichtsplattform, kein Freizeitpark, kein Ort, an dem man fünf Euro für einen Cappuccino bezahlt, der nach Hafermilch und Selbstoptimierung schmeckt. Stattdessen stehen hier Apfelbäume. Sehr viele Apfelbäume.
Ein Ort, der sich dem Algorithmus verweigert
Der Hermannsgarten ist ungefähr das Gegenteil von Instagram. Er versucht nicht, schön auszusehen. Er ist es einfach. Auf der Streuobstwiese wachsen über 200 Obstbäume. Viele Sorten kennt heute kaum noch jemand. Während im Supermarkt gefühlt jeder zweite Apfel gleich aussieht, wachsen hier Früchte mit Namen, die eher an Figuren aus einem Märchenbuch erinnern als an Lebensmittel.
Zwischen den Bäumen summen Bienen, Vögel ziehen durch die Kronen und manchmal passiert etwas, das in unserer Zeit fast schon ungewöhnlich geworden ist: nichts. Genau deshalb kommen viele Menschen hierher. Weil es einer der wenigen Orte ist, an denen nicht ständig irgendetwas von einem gewollt wird. Keine Benachrichtigung. Keine Werbung. Keine Push-Nachricht. Nicht einmal ein WLAN-Passwort.
Die Verrückten mit den Obstbäumen
Besonders spannend sind die Menschen, die diesen Ort pflegen. Denn der Hermannsgarten existiert nicht einfach so. Hinter ihm stehen Ehrenamtliche des BUND, die Jahr für Jahr Bäume schneiden, Wiesen pflegen, neue Obstsorten erhalten und dafür sorgen, dass dieses Stück Natur mitten in Ulm bestehen bleibt.
Sie bekommen dafür keinen Bonus, keine Likes, keine Reichweite und keinen Firmenwagen. Trotzdem investieren sie ihre Zeit. Das wirkt in einer Gesellschaft, in der jede Minute monetarisiert werden soll, fast ein bisschen rebellisch. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Schönheit dieses Ortes. Hier machen Menschen etwas nicht, weil es sich rechnet. Sondern weil sie es für richtig halten.
Der wahrscheinlich entspannteste Ausflug der Stadt
Das Beste daran: Man braucht nicht einmal ein Auto. Wer mit der Straßenbahn nach Söflingen fährt, ist dem Hermannsgarten schon erstaunlich nah. Von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Der Weg führt durch eines der schönsten Viertel Ulms, vorbei an alten Häusern und viel Grün. Man steigt aus der Bahn aus und ist plötzlich in einer anderen Geschwindigkeit unterwegs.
Gerade deshalb passt der Hermannsgarten perfekt zu einer Kooperation mit der DING Donau-Iller-Nahverkehrsgesellschaft. Denn dieser Ort zeigt, dass die schönsten Ausflugsziele oft gar nicht weit entfernt sind. Einsteigen, aussteigen, loslaufen. Mehr braucht es manchmal nicht für einen kleinen Tapetenwechsel.
Vielleicht suchen wir an den falschen Orten
Der Hermannsgarten wird wahrscheinlich nie auf einer Liste der zehn spektakulärsten Sehenswürdigkeiten Deutschlands auftauchen. Zum Glück. Denn genau deshalb funktioniert er. Er erinnert daran, dass nicht jede freie Minute maximal aufregend sein muss. Dass man nicht immer weiter wegfahren muss, um etwas Schönes zu entdecken. Und dass manchmal ein paar Obstbäume ausreichen, um den Kopf freizubekommen.
Vielleicht liegt das wahre Luxusgut im Jahr 2026 nicht in einer Fernreise oder einem Wellnesshotel. Vielleicht liegt es einfach unter einem Apfelbaum am Ulmer Kuhberg. An einem Ort, den viele kennen sollten, aber erstaunlich wenige kennen.
Google Maps:
https://maps.google.com/?q=Hermannsgarten+Ulm




