
Ich dachte, Erotikshops wären längst ausgestorben. Dann stand ich vor dem ORION in Ulm.
Manchmal frage ich mich, ob ich der einzige Mensch in Ulm bin, der sich über völlig sinnlose Dinge Gedanken macht.
Zum Beispiel über den ORION in der Blaubeurer Straße.
Jedes Mal, wenn ich dort vorbeifahre, denke ich: Wie gibt es diesen Laden eigentlich noch?
Nicht falsch verstehen. Ich frage mich das nicht, weil dort Sexspielzeug verkauft wird. Ich frage mich das, weil wir im Jahr 2026 leben.
Wir bestellen Essen per App. Wir kaufen Autos online. Wir lassen uns Brillen nach Hause schicken. Sogar die Partnersuche läuft inzwischen über Algorithmen.
Aber irgendwo zwischen Autohäusern, Fast-Food-Ketten und Gewerbehallen steht noch immer ein Laden, in den Menschen freiwillig hineingehen, um Dinge zu kaufen, die sie theoretisch auch diskret vom Sofa aus bestellen könnten.
Und genau das verstehe ich nicht.
Oder vielleicht verstehe ich es gerade deshalb.
Denn seien wir ehrlich: Wenn es eine Branche gibt, die das Internet eigentlich hätte vernichten müssen, dann doch diese.
Videotheken? Weg. CD-Läden? Weg. Reisebüros? Stark geschrumpft. Aber Erotikshops? Irgendwie noch da. Zumindest ORION.
Und das nicht nur in Ulm. Das Unternehmen betreibt noch immer mehr als 120 Filialen in Deutschland. Nicht zwölf. Nicht zwanzig. Über hundertzwanzig.
Das hat mich ehrlich überrascht.
Denn wenn ich nachts um elf etwas bestellen möchte, kann ich das heute innerhalb von drei Minuten erledigen. Ohne Parkplatzsuche. Ohne Öffnungszeiten. Ohne die Gefahr, dem Nachbarn über den Weg zu laufen.
Warum also fahren Menschen noch in einen Erotikshop? Die Antwort ist offenbar einfach: Weil es genug Menschen tun. Sonst würde der Laden nicht mehr existieren.
Dabei hat ORION längst verstanden, was viele andere Händler zu spät verstanden haben. Das Unternehmen verkauft seine Produkte nicht mehr nur in Geschäften. Der Onlinehandel ist heute einer der wichtigsten Geschäftsbereiche. Bereits vor einigen Jahren lag der Umsatz des Versandgeschäfts bei über 70 Millionen Euro.
Mit anderen Worten: Vielleicht ist ORION heute gar keine Ladenkette mehr.
Vielleicht ist ORION ein Onlinehändler mit Schaufenstern.
Und plötzlich ergibt alles Sinn.
Denn die eigentliche Überraschung ist nicht, dass es den Laden noch gibt.
Die eigentliche Überraschung ist, dass wir glauben, es dürfte ihn nicht mehr geben.
Über Sex wird heute schließlich mehr gesprochen als jemals zuvor. Podcasts, Netflix, TikTok, Instagram. Es gibt kaum ein Thema, das gleichzeitig so präsent und so privat ist.
Trotzdem würde ich wetten, dass viele Menschen kurz nervös werden, wenn sie vor einem Erotikshop stehen.
Man schaut kurz nach links.
Dann nach rechts.
Und hofft, dass ausgerechnet jetzt niemand vorbeikommt, den man kennt.
Das Absurde daran: Wahrscheinlich denkt die Person hinter einem genau dasselbe.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis.
Erotikshops verkaufen keine Produkte.
Die bekommt man überall.
Sie verkaufen etwas, das Amazon nicht liefern kann.
Neugier.
Ein kleines bisschen Tabu.
Ein kleines bisschen Nervenkitzel.
Und vielleicht auch die beruhigende Erkenntnis, dass man mit seinen Fragen, Fantasien und Unsicherheiten nicht allein ist.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir die falsche Frage stellen.
Die Frage ist nicht: Warum gibt es den ORION in Ulm noch?
Die Frage ist: Warum sind wir so überrascht, dass es ihn noch gibt?
Denn während wir alle über künstliche Intelligenz, Onlinehandel und die digitale Zukunft sprechen, verlassen Menschen offenbar noch immer ihr Haus, steigen ins Auto und fahren in einen Laden.
Nicht, weil sie müssen.
Sondern weil sie wollen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Nachricht.
Nicht, dass es den ORION in Ulm noch gibt.
Sondern dass selbst im Jahr 2026 noch nicht alles digital geworden ist.




