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Die Unsichtbaren

Es gibt Menschen in Ulm, denen begegnen wir fast jeden Tag. Am Bahnhof. Vor der Bäckerei. Im Bus. Auf einer Parkbank an der Donau.

Wir sehen sie. Und gleichzeitig sehen wir sie nicht.

Vielleicht liegt das daran, dass wir Obdachlosigkeit immer noch mit einem bestimmten Bild verbinden. Ein Schlafsack unter einer Brücke. Ein zerschlissener Rucksack. Ein Pappschild. Wer dieses Bild nicht erfüllt, kann eigentlich gar nicht wohnungslos sein. Glauben wir.

Doch genau hier beginnt das Missverständnis.

Die Stadt Ulm hat zum Stichtag 31. Januar 2025 insgesamt 1.166 wohnungslose Menschen erfasst. Das klingt nach einer Zahl, die eher zu Berlin oder Hamburg passt als zu einer Stadt mit knapp 130.000 Einwohnern. Doch sie erzählt eine kompliziertere Geschichte. Ein großer Teil der Statistik entfällt auf ukrainische Geflüchtete, die in städtischen Unterkünften leben und deshalb offiziell als wohnungslos gelten. Gleichzeitig weist die Stadt darauf hin, dass Menschen, die tatsächlich auf der Straße leben, in dieser Statistik gar nicht auftauchen. (Bürgerinfo Ulm)

Die eigentliche Zahl kennen wir also nicht.

Vielleicht sind es zwanzig Menschen. Vielleicht fünfzig. Vielleicht mehr.

Niemand kann es mit Sicherheit sagen.

Das wirkt paradox. Ausgerechnet diejenigen, die im öffentlichen Raum am sichtbarsten erscheinen, bleiben statistisch unsichtbar.

Dabei beginnt Wohnungslosigkeit oft lange, bevor jemand auf einer Parkbank schläft.

Sie beginnt mit einer Trennung. Einer Krankheit. Einer Kündigung. Einer Mieterhöhung, die plötzlich nicht mehr zu stemmen ist. Mit der Frage, ob man noch ein paar Wochen bei Freunden unterkommen kann. Mit einem Kinderzimmer, in das man mit Mitte vierzig zurückzieht. Mit dem Satz: “Nur vorübergehend.”

Vorübergehend kann erstaunlich lange dauern.

In Deutschland gilt längst nicht jeder wohnungslose Mensch als obdachlos. Viele leben in Notunterkünften, Übergangswohnungen oder Einrichtungen sozialer Träger. Andere schlafen jede Nacht woanders. Mal bei Bekannten, mal auf dem Sofa eines Bruders, mal im Auto. Sie tauchen in keiner Fußgängerzone auf und bitten niemanden um Kleingeld. Trotzdem haben sie kein Zuhause. (Statistisches Bundesamt)

Vielleicht erklärt das auch, warum das Thema so selten Aufmerksamkeit bekommt.

Wohnungslosigkeit ist keine Schlagzeile. Sie ist ein schleichender Prozess.

Wer heute seine Wohnung verliert, verliert oft mehr als vier Wände. Eine Adresse. Einen Briefkasten. Einen Ort, an dem man sich krank melden, Bewerbungen schreiben oder einfach die Tür hinter sich schließen kann. Aus einer sozialen Krise wird schnell eine bürokratische.

Ulm versucht gegenzusteuern. Mit Notunterkünften, Beratungsstellen, einem Kältebus und den inzwischen bekannten Ulmer Nestern, kleinen Schlafkapseln, die im Winter Menschen schützen sollen, die keine andere Übernachtungsmöglichkeit nutzen können oder wollen. Es sind kluge Ideen. Aber sie lösen nicht das eigentliche Problem. Sie lindern seine Folgen. (Stadt Ulm – Startseite)

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, nur nach den Menschen zu fragen, die auf der Straße schlafen.

Die spannendere Frage lautet:

Wie viele Menschen in unserer Nachbarschaft kämpfen gerade darum, genau dort nicht zu landen?

Denn Wohnungslosigkeit beginnt selten mit einer Parkbank.

Sie beginnt meist hinter einer ganz normalen Wohnungstür, in einem Moment, den niemand kommen sieht.

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