Peter Förster hat einen Stundenplan für die Laderampe entwickelt – und daran arbeiten nun mehr als 600 Mitarbeiter

Die Idee ist eigentlich so einfach wie genial: Peter Förster hat mit seinen Freunden einen Stundenplan für die Laderampe entworfen, damit LKW nicht mehr ungeplant an der Laderampe ankommen.  Aus dieser simplen Idee ist 20 Jahre später ein Unternehmen mit mehr als 600 Mitarbeitern und acht Standorten weltweit geworden.  Der ehemalige Student der Technischen Hochschule Ulm hat sich für sein Start-Up nicht etwa Berlin ausgesucht, sondern Ulm. 

Ulmer Spickzettel: Auf einer Skala von null bis 10, wie viel Biss braucht man, um eine kleine Idee durchzuboxen, bis diese ein millionenschweres Unternehmen ist?
Peter Förster: Man braucht definitiv eine 10.  Ich glaube, aber, keiner hat über so viele Jahre eine 10 auf der Biss-Skala – aber als Team kann man sich da gemeinsam doch immer wieder durchschleppen. Auch mal durch schlechtere Phasen.

Warum haben Sie ein Unternehmen gegründet? Was war ihr Antrieb?
Ich hab eigentlich schon lange vor dem Studium und im Studium immer stärker einen inneren Antrieb gespürt was eigenes machen zu wollen und nicht in ein externes System oder einen Konzern rein zu wollen oder mich reinpressen zu lassen. Ich wollte einen eigenen Weg und mir ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem ich selbst Spaß habe. Wie groß das werden wird, das war mir nicht so richtig klar. Das war aber auch gar nicht das oberste Ziel. Wir wollten uns eigentlich Stück für Stück am Weg entlanghangeln. 

Was ist der größte Fehler, den Jungunternehmer machen?
Das ist ganz einfach: nicht zuhören. Das ist so ein bisschen wie wenn Sie zum Arzt kommen und Sie möchten eigentlich grade erzählen, wie es Ihnen geht und was für Symptome Sie haben – und ohne Ihnen zuzuhören, sagt der Arzt dann: “Ich hab da was für Sie. Ich schreib Ihnen was auf.” – und dann schickt er Sie wieder raus. Es geht gar nicht darum was der Arzt denkt was Sie brauchen, sondern es geht darum zu verstehen, wie es dem Patienten geht.

Im übertragenen Sinn ist eine Firma dazu da, sich genau zu überlegen: was kann das Unternehmen für seinen Kunden beitragen, damit dieser sein Leben und seine Ziele leichter erreichen kann? 

Gute Verkäufer oder gute Unternehmer hören auch mehr zu, als dass sie reden. Dann findet man auch die Ansatzpunkte die der Kunde vielleicht gar nicht so formulieren kann und wenn man dann versucht ihm echt zu helfen, ohne dass man in dem Moment sich selbst helfen will, dann wird man belohnt vom Kunden. Er kommt wieder und man entwickelt sich wirklich weg vom Verkäufer hin zum vertrauten Partner. 

Wie wichtig schätzen Sie Mentoren für den Erfolg ein? Braucht Erfolg einen Begleiter?
Gerade in den ersten paar Jahren hatten wir schon auch Mentoren, die uns bei der ein oder anderen Fragestellung auch geholfen haben, zum Beispiel wie man ein Vertriebsvergütungsmodell aufbaut oder was alles in einen Kundenvertrag rein muss. Aber wir hatten natürlich auch uns als Team mit ganz unterschiedlichen Charakteren, Hintergründen und Perspektiven. Dadurch konnten wir uns da schon auch viel gegenseitig unterstützen. Aber es war natürlich dann auch immer ein Stückchen reaktiv wie wir da vorgehen mussten. Und dann reagiert man natürlich eher dann wenn die Schmerzen da sind und nicht vorher. Deshalb: ein Mentor hilft manche Steine im Voraus aus dem Weg zu räumen und macht manches einfacher. Er ist aber kein Garant für Erfolg. Was hilft, ist der gesunde Menschenverstand und nicht eine Theorie aus einem Lehrbuch.  Das Hören auf unser Bauchgefühl hat uns an vielen Stellen den Weg geöffnet und uns oft direkt zum Ziel gebracht.

Sie waren Studenten … Gerüchten zufolge feiern Studenten ja nur wilde Partys. Und Sie haben mal kurz die Logistikbranche erobert. Ticken Sie anders?
Im Studium haben wir uns schon auch die Zeit genommen ordentlich zu feiern!  Transporeon ist ja erst in der letzten Phase des Studiums entstanden. Mit der Diplomarbeit haben wir das erste Mal einen Businessplan geschrieben – damals aber noch nicht über Transporeon, sondern über eine Vermittlungsplattform für Gästezimmer oder Ferienwohnungen – sowas ähnliches wie FeWo-Direkt, weniger wie AirBnB. Sharing gab es damals noch nicht.
Das Dumme war nur, dass das Internet damals noch wenig verbreitet war und die Zielgruppe, die diese Zimmer angeboten hat, auch überhaupt noch nicht so richtig mit Internet zu tun hatte. Deshalb haben wir das verworfen und sind dann eigentlich erst in die Idee mit Transporeon reingekommen und hatten dann genug Zeit uns darauf zu konzentrieren.  Zum Glück hatten wir da dann schon den Großteil des Studiums und auch die Diplomarbeit da schon hinter uns.

Was macht erfolgreich? Gibt es da ein “Geheimrezept?”
Also in meiner persönlichen Erfahrung war ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor, dass wir ein vertrautes Team waren das auch ganz unterschiedliche Charaktere umfasst hat. Aber trotz der unterschiedlichen Charaktere an einem gemeinsamen Ziel – nämlich diese Idee voran zu bringen – gearbeitet haben. Mit viel Leidenschaft und Ehrgeiz. Das ist auch der zweite Punkt der dazu kommt. So bisschen halbherzig geht das nämlich nicht. Und da kommen wir wieder zurück auf den Blick für die Bedürfnisse des Kunden. Man muss wirklich den Kunden in den Mittelpunkt stellen und nicht den Erfolg der eigenen Firma – der kommt dann von alleine. Mit viel Kreativität in der Lösungsfindung, ausgetretene Pfade auch mal zu verlassen und Dinge mal neu zu denken und neu zu kombinieren, kann man sich seine Nische eigentlich auch bauen. Da muss man nicht unbedingt da hin, wo schon viele sind. 

Klingt so einfach… gegangene Pfade verlassen. Nach dem Motto: “Haben wir immer schon so gemacht.”
Ich glaub es ist ganz normal, dass wir als Mensch und mit den eigenen Erfahrungen gewisse Limitierungen im Denken haben. Und das hat jeder. Wir auch. Aber sich dieser Sache bewusst zu sein und auch sein Denken darauf einzustellen, das hilft schon viel. Die Herausforderung ist, das Bedürfnis des Kunden zu verstehen und dann sein Denken daraufhin zu programmieren. Quasi eine Lösung dafür zu finden, auch wenn sie vielleicht nicht von der Stange ist. Da kommen dann irgendwann diese Ideen auch hoch. Sich also in ein Ziel hin hineindenken oder sich das einzupflanzen “Ich will das lösen, dass die LKWs nicht mehr warten müssen an der Rampe”. Und dann gehen Sie durch die Welt und sehen Dinge, wo das auch passiert. Nämlich zum Beispiel am Tennisplatz, da kann man sich in einen Stundenplan eintragen wann man Tennis spielen will, damit nicht alle gleichzeitig kommen. Das ist das gleiche Problem wie mit den Lkws die halt ungesteuert an die Rampe kommen. Dann haben wir eben einen Stundenplan für die Rampen eingeführt und dadurch ist dann das Zeitfenstermanagement entstanden. Man muss nicht das Rad immer wieder neu erfinden, man muss sich nur mal trauen out of the box zu denken. Man muss auch mal bereit sein, links und rechts zu schauen, was es denn für ein ähnliches Problem woanders gibt und auch ob dafür schon eine Lösung existiert. Die ganze Idee der Gründung war eigentlich, die ganze Kommunikation die per Telefon, Fax und Email stattgefunden hat zwischen dem Disponenten auf Industrie- und Speditionsseite, zu vereinfachen. Und das gab es ja auch schon, wir haben ja Internet. Aber dann muss man halt mal überlegen ob man das nicht woanders einsetzen kann. Und heute ist ja die ganze Transformation der Digitalisierung nichts anderes als dieses Werkzeug eben auf unterschiedliche Herausforderungen und Prozesse anzuwenden.

Was war seit Gründung des Unternehmens die größten Herausforderungen?
Da gab es eigentlich relativ viele! Also eine große Herausforderung am Anfang ist, sich als Team zu finden. Und zu realisieren, dass es fast ist wie in der Ehe. Da gehts ums gemeinsame Geld und man verbringt ganz viel Zeit miteinander.
Aber eine andere ganz große Herausforderung war die Wirtschaftskrise die 2008 dann plötzlich hereingebrochen ist und wo dann eben durch weniger Produktion bei den großen Herstellern auch bei uns die Umsätze plötzlich gebröckelt sind.

Das war schon eine knackige Zeit. Es ging ja zum Glück wieder bergauf und das Schöne ist, dass man im Nachhinein ja auch versuchen kann das Gute daran zu sehen. Ich hab gelernt wie man mit dem Geschäftsmodell auch in einer Krise umgeht. Und das hat mir natürlich sehr viel Sicherheit gegeben auch nach vorne zu schauen, egal ob jetzt Wachstum da ist oder oder eben was passiert wie zum Beispiel eine Krise. Das gibt einem natürlich auch sehr viel Optimismus nach vorne, egal wie es kommt.

Wie geht man mit Krisen um?
Letztlich muss man sich noch viel stärker fokussieren auf das, was das Geschäft im Kern wirklich ausmacht. Was ist wichtig für die Kunden und was macht man eigentlich? Und das ist ja in jeder Organisation, dass aus so ein paar nice to have Projekten wieder neue Dinge entstehen links und rechts des eigentlichen Weges. Und sowas muss man dann auch einfach sein lassen und sich auf den Kern konzentrieren und das möglichst gut und effizient machen. Verzettelei ist immer schwierig. 

Warum sind Sie in Ulm geblieben? Hippe, junge Unternehmen gehen ja eher nach Berlin oder Leipzig …
Ja gut, einige Mitgründer waren in Ulm verwurzelt deswegen gab es gar keinen Drang da wegzugehen. Und Ulm hat ja selber super schöne Voraussetzungen. Super Größe und Verkehrsanbindung, wir haben die ICE Anbindungen in alle Richtungen genau so wie Autobahnen. Man erreicht die Flughäfen München und Stuttgart auch schnell. Ulm ist halt auch bodenständig schwäbisch ;). Nicht umsonst sind ja in Baden-Württemberg  auch einige Weltmarktführer in irgendwelchen, teils abgelegenen, Tälern entstanden. Die hatten einfach Zeit um sich auf ein gutes Produkt für ihren Kunden zu konzentrieren und nicht auf diese ganze Show und der Hype die halt in Berlin vielleicht stattfindet. 

Fachkräftemangel auch im IT Bereich drückt ja schon arg…
Das war für uns phasenweise schon auch ganz schön schwierig, weil wir kaum Kunden in Ulm hatten. Überall, aber nicht hier – einfach aufgrund der Art der Kunden, die wir ansprechen. Dadurch waren wir auch nicht so bekannt. Wir haben dann auch viel dafür tun müssen um auch in Ulm als Arbeitgeber bekannter und sichtbarer zu werden. Ich glaub da sind wir heute schon ein ganzes Stück besser als es noch vor 10 Jahren der Fall war. Und das braucht es aber natürlich auch. Denn es gibt genug Nachfrage von allen möglichen IT Firmen mit denen wir natürlich auch im Wettbewerb sind. 

Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Also ich muss da wieder zurückkommen auf diesen Kundenfokus. Es gibt aus meiner Sicht eigentlich nichts Wichtigeres, als seinen Kunden und dessen Bedürfnisse – und die sind nicht immer nur wirtschaftlich oder objektiv. Es geht darum wie es dem Kunden emotional geht. Was lässt den nachts nicht schlafen oder worüber denkt er nach wenn er morgens vor dem Spiegel steht und sich für den Tag bereit macht, was treibt ihn um? Wenn man das versteht und ihm da helfen kann, dann hat man schon eine gute Voraussetzung, um erfolgreich zu sein. Und das Zweite ist natürlich, dass es mit den Mitarbeitern genau so sein muss. Wirklich ein offenes Ohr für die Mitarbeiter zu haben. Ich glaube, Empathie ist eine ganz große Voraussetzung. Es findet auch ein Umdenken statt. Gute Mitarbeiter folgen ihren guten Chefs. Man muss sie nicht schieben. Das klappt aber nur, wenn man eine Beziehung und ein Vertrauen aufbauen kann. Das muss man verstehen und das Umfeld und die Kultur des Miteinanders dafür schaffen. Kennzahlen brauchen wir natürlich um das Geschäft zu verstehen, aber am Schluss ist ein Mitarbeiter, der über sich hinauswächst und sich einbringt und wertgeschätzt wird, viel wichtiger. Neue Führungsmodelle gehen ja schon stärker in das Thema der Motive und was Mitarbeiter innerlich antreibt. Damit man die maximale Kraft entfalten kann. Offene Türen und flache Hierarchien sind glaube ich auch eine wichtiger Voraussetzung und dass man sich auch wirklich für den Mitarbeiter interessiert. Das ist nicht immer ganz einfach wenn die Organisation wächst und größer wird. Da muss man immer sehr hart dran arbeiten weil man natürlich immer nur mit einer gewissen Anzahl von direkten Mitarbeitern im Austausch stehen kann. 

Als Sie Ihren Eltern gesagt haben, dass Sie sich selbständig machen – wie haben sie reagiert?
Die haben eigentlich schon immer mitgekriegt, dass ich immer auf der Suche nach einer Geschäftsidee war um mein Studium zu finanzieren und solche Sachen. Und irgendwie hat mich das immer umgetrieben. Und als das dann mit Transporeon anstand, haben sie mir was sehr wertvolles mitgegeben. Die haben gesagt:

“Mach das und wenns wirklich komplett schief gehen sollte, wir stehen hinter dir!”

Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben und Vertrauen und gezeigt, dass beruflicher Erfolg auch mit dem Halt der Familie verbunden ist.

Heutzutage  wird nicht mehr so viel gegründet. Ein Drittel der Studienabgänger will in den Staatsdienst – und das wohl nicht, weil der Job so aufregend ist. Gehts bergab mit Deutschland?
Ich glaube es sind sehr viele Gründer unterwegs. Das sieht man wenn man mal so in die Gründerszene reinschaut. Da passiert schon ganz viel und da sind auch ganz viele im Aufbruch. Auch wegen den Chancen der digitalen Transformation und alles was damit zu tun hat. Die wollen schon angewendet werden und da gibts viel Leidenschaft und Raum um auch sein eigenes, großes Ding zu finden. Auf der anderen Seite passiert –  gerade weil die Welt so im Umbruch ist – auch eine Gegenreaktion. Es gibt eine unglaubliche Unsicherheit da draußen. Welche Jobs wird es  in 20 Jahren noch geben? Die Automobilindustrie baut ab und die klassischen Wege in den klassischen Branchen sind nicht mehr die Versicherung bis zum Lebensende. Dieses Gefüge ist einfach – auch durch Presse und Öffentlichkeit – sehr unsicher geworden. Und dass da dann ein Wunsch zur Sicherheit da ist, wie das im Staatsdienst halt so ist.
Ich glaube tatsächlich. dass es die Stärke der Ausprägungen und Extreme ist, die halt stärker wahrgenommen werden.

Haben Sie um Deutschland? Dass es den Anschluss verpasst?
Nicht wirklich, nein. Ich glaub es passiert mehr, als wir öffentlich wahrnehmen. Weil wir in Deutschland und vor allem im Schwabenland oft erst dann mit einem Thema an die Öffentlichkeit gehen, wenn wir sicher sind, dass es funktioniert. Ander als die Amerikaner, die quasi gefühlt heute schon auf dem Mars leben. Gleichzeitig muss man aber nur mal schauen, wo Technologien herkommen. Zum Beispiel tauchen dann Begriffe wie Saarbrücken und WTH Aachen in Kombination mit Spracherkennungsthemen auf. Da merkt man dann schon, dass wir das Wissen haben. Ich glaube, dass viele schon eine ganze Menge machen, aber eben mit weniger Tam Tam. Darauf kann man sich nicht ausruhen, das will ich gar nicht sagen. Aber ich glaube wir sind trotzdem gar nicht so schlecht unterwegs. Ich glaube Deutschland oder die Europäer allgemein, sind auch ein bisschen maßvoll in ihrem Denken und ihrer Kommunikation.

Aber ich glaube, wir können schon auch was von den Amerikanern lernen. Zum Beispiel, dass man manche Grenzen auch überwinden und größer denken kann. Aber wir sollten unseren eigenen Kern nicht vergessen und den einfach über den Haufen schmeißen. Wir sollten aber vielleicht den Vermarktungsteil der Amerikaner ein bisschen besser in den Erfindergeist und die Ingenieurskunst einbauen. 

Was machen Sie jetzt, nachdem Sie das Unternehmen verkauft haben? Cocktails trinken auf Hawaii?
Cocktails auf Hawaii trinken kann man schon mal machen aber das ist für mich kein Lebensinhalt. Ich genieße, dass ich viel mehr Zeit für meine Familie und meine vier Kinder haben kann. Wenn man sehr viel unterwegs ist, verpasst man natürlich das ein oder andere, was so im Alltag passiert. Ich schätze es, dabei zu sein wenns mal eine Musikaufführung in der Schule gibt oder sowas. Beruflich ist es so, dass ich sehr gern mit Menschen arbeite und dass ich mit Mentoren oder als Coach im Beirat für und mit Unternehmern arbeite. Um da vielleicht helfen kann, den ein oder anderen Stein aus dem Weg zu räumen oder mehr Klarheit in Entscheidungen zu bringen oder einfach nur die eigenen Erfahrungen zu teilen.