Kasra und die Kunst,
immer wieder loszulassen
Mit 14 Jahren kommt Kasra aus dem Iran nach Deutschland. Er lernt Deutsch, arbeitet viele Jahre in der Ulmer Gastronomie, zieht später in die Schweiz und verdient dort gutes Geld.
Eigentlich läuft alles nach Plan. Nur fühlt es sich irgendwann nicht mehr wie sein eigener an.
Also verkauft und verschenkt er fast alles, meldet sich ab und zieht los. Heute lebt der 33-Jährige zwischen Europa und Asien.
Eine Geschichte über Freiheit, Heimat und die Frage, wie wenig man besitzen muss, um herauszufinden, was man wirklich braucht.
Ein Leben, das von außen leicht aussieht
Wer Kasras Leben auf Instagram verfolgt, könnte schnell den Eindruck bekommen, dieser Mann sei ständig unterwegs. Sonne, Strände, Reisen, dazu ein Leben, das von außen erstaunlich leicht aussieht.
Kasra selbst kennt dieses Bild von sich und weiß, dass es nur einen kleinen Ausschnitt zeigt.
Denn hinter dieser Freiheit steckt ein Alltag, der weniger nach Urlaub aussieht, als es Instagram vermuten lässt. Er arbeitet viel, organisiert sich selbst, baut sich sein eigenes Leben auf.
Genau darum geht es Kasra. Um Freiheit. Um die Frage, wie viel Sicherheit ein Mensch wirklich braucht. Und darum, ob man irgendwann aufhören kann, ein Leben zu führen, das zwar vernünftig aussieht, sich aber trotzdem nicht richtig anfühlt.
„Je weniger du hast,KASRA, 33
desto mehr findest du
über dich heraus.“
Mit 14 Jahren beginnt ein komplett neues Leben
Seine eigene Geschichte beginnt im Iran. Dort wird er geboren, dort wächst er auf. Er beschreibt seine Kindheit als einfach und normal.
Dann wird sein Vater krank, erleidet einen Schlaganfall und stirbt einige Jahre später.
Teile der Familie leben bereits in Europa. Irgendwann entsteht für Kasra und seine Mutter die Perspektive, ebenfalls dorthin zu gehen.
Dass er die Sprache später nahezu ohne hörbaren Akzent beherrscht, erklärt er mit Filmen, Comedy und einem gewissen Ehrgeiz.
Er wollte dazugehören. Gespräche verstehen. Sich ausdrücken können. Nicht am Rand stehen.
Nächte, Menschen und ziemlich viel Gastronomie
Die Familie landet im Raum Ulm und Neu-Ulm. Kasra zieht später allein nach Ulm und arbeitet viele Jahre in der Gastronomie.
Fast zehn Jahre verbringt er in dieser Welt, lernt Menschen kennen, Nächte, Geschichten und wahrscheinlich auch einen ziemlich großen Teil der Stadt.
Ulm wird Heimat.
Zumindest für eine Zeit.
Dann reicht ihm dieses Leben plötzlich nicht mehr
Kasra hat Arbeit. Freunde. Ein Umfeld. Einen Alltag.
Und trotzdem wächst in ihm die Überzeugung, dass er dort nicht mehr weiterkommt.
Zunächst geht es Richtung Österreich, später nach Konstanz.
In die Stadt am Bodensee verliebt er sich sofort. Die Nähe zum Wasser, die Menschen, die Atmosphäre.
Wie viel Sicherheit braucht ein Mensch eigentlich wirklich?
Gutes Geld, Homeoffice, schöne Wohnung. Und trotzdem fehlt etwas
Kasra beginnt in der Schweiz zu arbeiten und zieht schließlich ganz über die Grenze.
Eigentlich genau das Leben, das viele Menschen als komfortabel bezeichnen würden.
„Alles eigentlich perfekt geeignet für einen Menschen, der sich ein schönes, hochqualitatives Leben wünscht. Und trotzdem hat all das mir irgendwo nicht gereicht.“
Also folgt der nächste Schritt: Er meldet sich ab und beginnt, ohne klassischen festen Wohnort zu leben.
So frei zu sein klingt besser, als es manchmal ist
Von außen klingt das romantisch. Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Heute hier, morgen dort. Keine Wohnung. Kein klassischer Arbeitsweg.
Doch Kasra beschreibt auch die andere Seite. Unsicherheit. Fehlende Planung. Die Frage nach dem nächsten Monat.
Auf der Suche nach den richtigen Menschen
In den vergangenen Monaten zieht es ihn besonders nach Asien. Nicht nur wegen des Wetters oder der Landschaften, sondern wegen der Menschen.
Er sucht Orte, an denen Menschen ähnlich denken wie er.
Herkunft, Religion oder Nationalität sind für ihn dabei weniger wichtig als die Frage, wie jemand sein Leben versteht.
Plötzlich ist alles weg
10.000–12.000 € GESCHÄTZTER SCHADENKameras. Festplatten. Stative. Aufnahmen.
Mit dem Equipment verschwindet auch sein Gefühl von Sicherheit
Kasra fährt mit dem Roller zur Polizei und dokumentiert den Fall. Viel hilft ihm das nicht.
Als er zurück in seine Unterkunft kommt, ist das Gefühl von Sicherheit verschwunden.
Solche Erfahrungen verändern auch seinen Blick auf Deutschland.
Funktionierende Krankenhäuser, Versicherungen, Infrastruktur und all die Sicherheiten, deren Wert oft erst sichtbar wird, wenn sie plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind.
Was vermisst er hier am meisten?
Kasra ist Deutschland gegenüber nicht undankbar. Im Gegenteil.
Er sagt klar, dass er hier viele Chancen bekommen hat, dass er sich privilegiert fühlt und vieles schätzt.
Trotzdem fällt es ihm zunehmend schwer, sich mit dem Leben hier vollständig zu identifizieren.
Was genau damit gemeint ist, kann er selbst kaum erklären.
Ein Gefühl vielleicht. Eine bestimmte Zeit. Menschen. Gewohnheiten.
Heimat ist manchmal etwas, das man sehr deutlich spürt und trotzdem nicht sauber benennen kann.
Wo ist eigentlich Heimat?
Kasra hat inzwischen mehrere Orte hinter sich gelassen, die einmal Heimat waren.
Dieses Leben macht auch Beziehungen komplizierter
Auch die Frage nach einer Partnerin wird schwieriger, je klarer sein eigenes Lebensmodell wird.
Er sucht keine Frau mit einem bestimmten Beruf oder einer bestimmten Herkunft.
Sie soll vor allem wissen, was sie selbst möchte. Eine eigene Meinung haben. Auf sich achten. Und sich nicht nur danach richten, welches Leben die Gesellschaft für sie vorgesehen hat.
Dort war er allerdings noch nie.
Vielleicht passt auch das ziemlich gut zu ihm. Der nächste Ort beginnt bei Kasra häufig zuerst als Gedanke.
Vielleicht führt die eigentliche Reise gar nicht um die Welt
Im Moment ist Kasra wieder in Europa.
Nach dem Diebstahl auf Bali sei er eine Zeit lang in einem „mentalen Loch“ gewesen.
Die Rückkehr habe viel Energie gekostet. Inzwischen gehe es wieder aufwärts.
Neue Gespräche. Neue Ideen. Neue Projekte.
Wo er in einigen Monaten sein wird, weiß er selbst noch nicht genau.
Kasras Lebenslauf besteht nicht aus einer geraden Linie. Er besteht aus Brüchen, Abzweigungen und Entscheidungen, die manchmal erst im Nachhinein Sinn ergeben.
Vielleicht geht es gar nicht ums Reisen. Sondern ums Loslassen.
Vielleicht ist das deshalb weniger eine Geschichte übers Reisen als eine über das Loslassen.
Über einen Menschen, der immer wieder ausprobiert, was übrig bleibt, wenn man all das wegnimmt, womit Menschen sich normalerweise definieren.





