Bio ist noch zu wenig

In zweiter Generation führt Julia Unseld in Ulm die Kornmühle – zum einen als Bioladen in der Herrenkellergasse, zum anderen als Bäckerei mit Verkauf u.a. auf dem Ulmer Wochenmarkt. Facebook und Instagram nutzt sie auch, um die Ulmer/innen aufzuklären – denn in Sachen “gesunder Lebensweise” hat unsere Gesellschaft viel Nachholbedarf.


Ernähren Sie sich ausschließlich biologisch bzw. nur von Demeter-Produkten?
Im Großen und Ganzen ja. Wir kochen viel zu Hause und da kommen ausschließlich Biozutaten in den Topf, wenn verfügbar am Liebsten in Demeterqualität. Ich bin aber auch hier nicht dogmatisch und esse auswärts auch konventionell. Nur beim Fleisch mache ich keine Ausnahme: wenn nicht wenigstens die artgerechte Haltung sichergestellt ist, esse ich dann lieber vegetarisch.

Würden Sie sich als Pionierin im Bereich der Nachhaltigkeit beschreiben?
Ich leite die Kornmühle ja bereits in der zweiten Generation und bin in soweit Nachfolgerin und Erbin der Pionierleistung meiner Eltern. Als meine Eltern Ende der 1970er Jahre anfingen Biobrote zu backen, gab es nur vereinzelt Landwirte, die sich auf das Abenteuer eingelassen hatten, abseits der landwirtschaftlichen Subventionen Öko- Landbau zu betreiben. Die Rohstoffbeschaffung war also schwierig und das umso mehr, als es natürlich auch noch keinen Großhandel für entsprechende Produkte gab. Der Bioladen in Ulm wurde gegründet um eine Absatzstelle für unsere Biobackwaren zu schaffen: Bäckerei und Bioladen existieren auch heute noch am gleichen Standort und es war meine Aufgabe, im sich immer weiter verändernden Biomarkt einen Platz für uns und unsere Produkte zu finden. Der Wettbewerb in der Lebensmittelbranche ist in Deutschland stärker als anderswo auf der Welt und viele Hersteller versuchen, einen sicheren Hafen zu erreichen im dem sie wachsen und ein breites Sortiment ausbilden mit dem möglichst alle Geschmäcker bedient werden können. Unser Weg ist bewusst ein anderer: Wir sind zwar auch gewachsen, aber eher organisch und in der Qualität. Heute stellen wir unsere Backwaren ausschließlich aus regional angebautem Getreide her. Wir verwenden entweder alte Sorten oder bio- dynamische Neuzüchtungen, was neben dem Schutz und der Förderung der Artenvielfalt auch der einzige Weg ist, kein Geschäftspartner der beiden großen Saatgutkonzernen zu werden.

Wir schränken unser Sortiment immer mal wieder ein um nicht zu breit und zu beliebig zu werden und gehen bei der Neuentwicklung von Produkten sehr sorgfältig vor: möglichst wenige Zutaten und Rezepturen, bei denen der Rohstoff möglichst unverfälscht wahrnehmbar bleibt. Darüber hinaus pflegen wir die handwerklichen Traditionen und entwickeln sie für unsere Bedürfnisse weiter: Für uns ist Brot und das Herstellen von Backwaren ein Kulturgut, welches zu pflegen und zu vermehren unsere Aufgabe ist. In Bezug auf die Wachstumsverweigerung sind wir auch heute wieder Pionier: wir suchen nach Wegen, unser Unternehmen gesund und dynamisch zu halten ohne deswegen zwangsläufig immer größer werden zu müssen.

Was ist das größte Problem der Menschheit?
Zur Zeit der Klimawandel und die daraus resultierenden Folgen für alle Lebewesen und den Planeten als Ganzes.

Und was wäre die Lösung dafür?
Der Klimawandel ist ein Problem zu hoher Ordnung als dass wir hoffen dürfen, einen Erfolg zu erzielen indem wir ein paar Einzelmaßnahmen bündeln. Natürlich hilft es, eine CO2- Bepreisung einzuführen, Mobilität zu verändern, Artenschutz zu betreiben und den Verpackungswahn zu bekämpfen. Aber das alleine wird nicht einmal zu einem Stopp auf dem gegenwärtigen Level führen und was wir brauchen ist ja eine messbare Verbesserung: wir brauchen gesunde Böden um Lebensmittel anzubauen, gesunde Meere, sauberes Wasser und saubere Luft. Das alles ist mit dem bisherigen Ressourcenverbrauch nicht zu bewerkstelligen.

Wir verbrauchen so viele Ressourcen, weil wir unsere bisherige Lebensführung davon abhängt.

Wir Menschen werfen ja nicht nur deswegen so viele Lebensmittel weg weil wir den achtlosen Umgang mit Lebensmitteln verinnerlicht haben. Wir haben oft auch keine Zeit um jeden Tag frisch einzukaufen, selbst zu kochen und die Reste sinnvoll zu lagern. Viele nutzen auch nicht nur deswegen das Auto, weil sie zu bequem sind: der öffentliche Nahverkehr ist schlicht in einem zu schlechten Zustand, als dass er als zuverlässige Alternative nutzbar wäre -ganz abgesehen von den Kosten. Wir alle sind von einer Hektik umfasst, die es nicht mit diesem Lebensmodell möglich macht, genügend Ressourcen einzusparen um einen echten Effekt zu erzielen.

Unser bisheriger Lebenswandel fußte auf der Annahme, dass die Welt zu groß und zu vielfältig ist als dass wir Menschen in der Lage wären, massive Schäden anzurichten.

Wir wissen schon lange, dass das so nicht stimmt aber nun beginnen Teile der Menschheit durch die schon heute zu beobachtenden Auswirkungen zu leiden. Heute entscheiden wir uns, ob wir uns solidarisch mit diesen zum Teil weit entfernten Menschen verhalten wollen, morgen wird uns diese Entscheidung abgenommen, denn dann geht es um unsere eigene Lebensqualität. Eine der unmittelbarsten Folgen des Klimawandels werden steigende Lebensmittelpreise sein, massiv steigende Lebensmittelpreise wenn wir nichts tun und weiter zusehen, wie die Dürre immer mehr fruchtbaren Boden frisst und die Grundwasserentnahme ein Ausmaß annimmt, bei dem ein Wettbewerb entsteht zwischen der heute normal gehaltenen Wasserversorgung und dem Anbau von landwirtschaftlichen Erzeugnissen um alle zu ernähren. Diese Entwicklung kann sehr schnell gehen:

Es ist gut, dass unsere Kinder uns Freitags auf diesen Aspekt aufmerksam machen.

Um dem Klimawandel zu begegnen benötigen wir einen Wertewandel der jeden einzelnen von uns erfassen und unser aller Leben und Arbeiten verändern muss. Wir müssen alle entschleunigen, weniger arbeiten, weniger unterwegs sein und mehr Zeit für das wesentliche nehmen: dazu gehört für uns als Lebewesen eben auch die Ernährung, aber auch Zeit füreinander und für uns selbst. Die Digitalisierung könnte hier einige Möglichkeiten für alternative Lebensmodelle aufzeigen.