102 Katzen.
Null Platz.
Im Tierheim ist gerade Katzensaison. Klingt niedlich. Ist es nicht. Hinter jedem Fundtier stecken Quarantäne, Tierarztkosten, Überstunden und Menschen, die längst auf dem Zahnfleisch gehen.
So sieht Katzensaison wirklich aus.
Wir haben Nadine und Monika im Tierheim besucht. Zwischen Katzenzimmern, Pflegestellen und dem nächsten ungeplanten Notfall erzählen sie, warum 102 Katzen eben nicht einfach nur 102 süße Gesichter sind.
Du fährst morgens ins Tierheim, willst kurz ein paar Dinge unterschreiben. Dann steht da ein Auto. Und plötzlich kommen 27 Katzen. Oder drei Schildkröten. Oder zwei verwaiste Eichhörnchen.
Planbarkeit? Netter Versuch.
Nadine kam eigentlich für Verwaltung, Mitarbeitende und Vorstandsthemen. Inzwischen steckt sie tiefer im Tierheimalltag, als sie je gedacht hätte. Denn Tierschutz arbeitet in Jahreszeiten: Igel-Saison, Vogel-Saison, Katzen-Saison. Nur Hunde, die haben praktischerweise das ganze Jahr Saison.
Aktuell brennt vor allem ein Thema: die Katzen. Insgesamt leben derzeit 102 von ihnen im Tierheim und auf Pflegestellen. Ein normaler, gut zu bewältigender Bestand wäre ungefähr halb so groß.
„Das wird immer so lapidar Katzenproblem genannt. Aber das ist tatsächlich eine Katzensaison.“ Aus dem Gespräch mit dem Tierheim-Team
Eine Katze kommt nicht herein, bekommt einen Namen und zieht am Nachmittag bei einer netten Familie ein.
Fast alle Tiere landen zuerst in Quarantäne. Zwei Wochen, wenn alles gut läuft. Mehrere Monate, wenn Durchfall, Katzenschnupfen oder hartnäckige Augenerkrankungen behandelt werden müssen. Erst wenn die Katze gesund, untersucht und bereit ist, beginnt die Vermittlung.
Fund und Aufnahme
Viele Tiere werden von Katzenhilfen oder Spaziergängern entdeckt. Private Abgaben kann das Tierheim derzeit nicht zusätzlich aufnehmen.
Quarantäne
Neue Tiere werden getrennt untergebracht. Das schützt den Bestand und zeigt, welche Behandlung notwendig ist.
Behandlung
Untersuchungen, Medikamente, Impfungen, Entwurmung und Pflege kosten Geld und vor allem Zeit.
Vermittlung
Erst danach kann ein passendes Zuhause gesucht werden. Aus einem Fund wird ein Prozess von Wochen oder Monaten.
So viel kann eine einzige Katze das Tierheim inzwischen kosten, bis sie wieder auszieht.
Im Durchschnitt waren es lange rund 350 Euro. Inzwischen geht der Betrag bei vielen Tieren Richtung 500 Euro. Und darin steckt kein Luxusprogramm. Darin stecken Futter, Medikamente, Tierarzt, Hygiene, Betreuung und Arbeitszeit.
Natürlich kostet nicht jede Katze exakt gleich viel. Aber die grobe Rechnung zeigt, wie schnell aus einem „süßen Fund“ eine Belastung von mehreren Zehntausend Euro wird.
Die Unterstützung durch Gemeinden und Städte deckt die tatsächlichen Kosten nicht vollständig. Spenden helfen enorm, sind aber nicht planbar. Der viel zitierte Satz „Jeder Euro hilft“ klingt ein bisschen nach Kalenderblatt. Hier stimmt er leider wirklich.
Im Ausland sieht man Straßenkatzen. Bei uns sind sie auch da. Nur besser versteckt.
Scheue Streuner leben in Gärten, Höfen, Industriegebieten und am Rand von Siedlungen. Viele Menschen bemerken erst etwas, wenn plötzlich eine Mutterkatze mit mehreren Jungen auftaucht. Dann werden aus einer Katze sehr schnell viele.
Katzen können schon nach wenigen Monaten geschlechtsreif werden und mehrmals im Jahr Nachwuchs bekommen. Nicht alle Jungtiere überleben. Diejenigen, die es schaffen, setzen den Kreislauf jedoch fort. Füttern allein löst dieses Problem nicht. Im Gegenteil: Wo regelmäßig Futter steht, überleben mehr Tiere und bekommen wiederum Nachwuchs.
Wer füttert, übernimmt Verantwortung.
Eine regelmäßig versorgte Streunerkatze braucht nicht nur Futter. Sie muss kastriert, medizinisch versorgt und dauerhaft im Blick behalten werden.
Die sinnvollste Lösung ist deshalb: Streuner fachgerecht einfangen, kastrieren lassen und, wenn der Ort geeignet ist, wieder in ihrem vertrauten Revier freilassen. Junge, noch gut sozialisierbare Tiere können teilweise vermittelt werden. Genau dabei helfen lokale Katzenhilfen und das Tierheim.
Nicht jedes Tier draußen ist verloren. Nicht jeder Schwan ist abgestürzt. Manchmal ist er einfach gelandet.
Ein gut genährter Freigänger wird eingesammelt, weil jemand ihn für herrenlos hält. Im Tierheim beginnt dann das volle Programm: Aufnahme, Prüfung, Unterbringung, im Zweifel Quarantäne. Während irgendwo ein Besitzer seine Katze sucht, kümmert sich das Team um ein Tier, das eigentlich nur seine übliche Runde gedreht hat.
Ähnlich ist es bei Feldhasen, jungen Vögeln und anderen Wildtieren. Viele Jungtiere werden von ihren Eltern nur zeitweise allein gelassen. Wer sie vorschnell mitnimmt, trennt sie im schlimmsten Fall von der Mutter. Und zwingt Pflegestellen zu einer Aufzucht rund um die Uhr.
Monika steht für manche Jungtiere alle drei Stunden auf. Gerade war endlich etwas Ruhe in Sicht. Dann kamen zwei neue Eichhörnchen. Feierabend verschoben. Schlaf ebenfalls.
Erst beobachten. Dann handeln.
Bei einem vermeintlichen Fundtier zuerst Abstand halten, die Situation prüfen und fachkundigen Rat einholen. Bei akuter Verletzung oder unmittelbarer Gefahr natürlich sofort helfen.
Die kurze Antwort: aus Liebe zum Tier. Die ehrliche Antwort: offenbar aus sehr, sehr viel Liebe zum Tier.
Monika ist gelernte Tierarzthelferin und seit 1999 mit dem Tierheim verbunden. Erst ehrenamtlich, später beruflich. Ein Arbeitstag hat in der Hochsaison schnell zehn oder elf Stunden. Im ruhigeren November werden Überstunden abgebaut. Wenn bis dahin nicht wieder irgendwo ein Auto mit Katzen vorfährt.
Pflege endet dabei nicht immer am Tierheimtor. Verwaiste Jungtiere ziehen zu Pflegestellen, werden zu Hause gepäppelt und mit der Flasche aufgezogen. Aus „Ich arbeite im Tierheim“ wird dann „Ich stehe nachts alle drei Stunden auf“.
Und trotzdem sagt das Team auch: Es gibt gute Tage. Tage ohne neue Notfälle. Tage, an denen Tiere gesund werden und ausziehen. Genau diese Tage halten den Laden am Laufen.
Kastrieren statt verdrängen
Freigänger und versorgte Streuner kastrieren lassen. Das stoppt den Kreislauf dort, wo er entsteht.
Nicht blind einsammeln
Bei gesunden Katzen und Wildtieren erst prüfen, ob wirklich Hilfe nötig ist. Im Zweifel fachkundig nachfragen.
Zeit, Platz oder Geld geben
Spenden, Pflegestellen und ehrenamtliche Unterstützung entlasten genau dort, wo öffentliche Mittel nicht reichen.





