Albert Einstein kam heimlich nach Ulm. Danach war er froh, wieder weg zu sein.
Ein falscher Name im Hotel, ein Ausflug aufs Münster und ein Familienbesuch, den er offenbar lieber vermieden hätte. Im August 1923 kehrte Albert Einstein in seine Geburtsstadt Ulm zurück. Was er danach seiner Frau schrieb, klingt nicht gerade nach Heimatliebe.
Stellen wir uns vor, wir sitzen im August 1923 an der Rezeption des Hotels Russischer Hof in Ulm. Ein Mann kommt herein und möchte ein Zimmer. Er trägt sich unter dem Namen Adolf Steinthal ein.
Was der Hotelangestellte vielleicht nicht ahnt: Vor ihm steht einer der berühmtesten Menschen der Welt. Albert Einstein. Nobelpreisträger, Physiker, 44 Jahre alt. Geboren hier in Ulm.
Und offenbar nicht besonders daran interessiert, erkannt zu werden.
Einstein ist gemeinsam mit seinem Sohn Eduard unterwegs. Es ist Samstag, der 4. August 1923. Am frühen Abend erreichen die beiden Ulm. Sie verbringen die Nacht im Russischen Hof.
Allein die Übernachtung kostet 570.000 Mark. Deutschland befindet sich mitten in der Hyperinflation. Geld verliert damals so schnell an Wert, dass eine sechsstellige Hotelrechnung zwar absurd klingt, aber zur wirtschaftlichen Wirklichkeit jener Monate gehört.
Einmal aufs Münster. Und dann zur Familie.
Am nächsten Morgen machen Vater und Sohn etwas, das auch heute noch Tausende Besucher in Ulm tun: Sie steigen auf den Münsterturm.
Von dort oben schauen sie auf eine Stadt, in der Einstein zwar geboren wurde, die aber nie wirklich sein Zuhause war. Bereits als Kleinkind zog er mit seinen Eltern nach München.
Trotzdem leben in Ulm noch zahlreiche Verwandte. Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins. Und genau das wird für Einstein offenbar zum unangenehmen Teil seines Besuchs.
Am Nachmittag steht ein Familientreffen an. Unter anderem besucht er Verwandte aus der Familie Moos.
Wie die Gespräche tatsächlich verliefen, wissen wir nicht im Detail. Aber wir wissen, wie Einstein sich anschließend fühlte. Denn er schreibt darüber an seine Frau Elsa.
Das muss man sich einmal vorstellen. Einer der berühmtesten Söhne Ulms kommt nach Jahrzehnten in seine Geburtsstadt zurück, besucht die Verwandtschaft und ist anschließend vor allem eines: erleichtert, wieder im Zug zu sitzen.
Natürlich wissen wir nicht, was genau ihn so störte. Vielleicht waren es die Gespräche. Vielleicht die Erwartungen der Familie. Vielleicht fühlte sich ein Mann, der gerade dabei war, unser Verständnis von Raum und Zeit zu verändern, bei seinen Verwandten einfach nicht besonders wohl.
Das bleibt Spekulation. Seine Erleichterung dagegen ist durch den Brief dokumentiert.
Sechs Jahre später klingt plötzlich alles ganz anders.
Wer jetzt glaubt, Einstein habe Ulm grundsätzlich nicht leiden können, sollte einen anderen Text von ihm lesen.
1929, sechs Jahre nach seinem heimlichen Besuch, äußert er sich nämlich deutlich freundlicher über seine Geburtsstadt.
Schlichte und gesunde Wesensart. Das klingt doch erheblich netter als banale Kleinbürgerlichkeit.
Aber vielleicht ist genau dieser Widerspruch das Interessante an der Geschichte. Einstein konnte seine Geburtsstadt durchaus schätzen und sich gleichzeitig bei einem Besuch seiner Verwandtschaft furchtbar unwohl fühlen.
Heimat ist schließlich nicht immer der Ort, an dem man sich am wohlsten fühlt. Manchmal ist sie einfach der Ort, an dem man geboren wurde. Und an dem Menschen leben, mit denen einen mehr verbindet, als einem lieb ist.
Und Adolf Steinthal?
Eine Frage bleibt: Warum ausgerechnet dieser Name?
Dass Einstein sich im Russischen Hof als Adolf Steinthal anmeldete, ist überliefert. Warum er genau dieses Pseudonym wählte, lässt sich aus den hier herangezogenen Quellen nicht sicher erklären.
Vielleicht wollte er schlicht seine Ruhe. Denn als Nobelpreisträger war er längst eine internationale Berühmtheit.
Nach diesem Augustwochenende ist jedenfalls kein weiterer persönlicher Besuch Einsteins in Ulm belegt.
Und so bleibt eine ziemlich menschliche Geschichte zurück: Ein Mann, der die Physik revolutionierte, auf der ganzen Welt gefeiert wurde und trotzdem etwas kannte, das vermutlich viele von uns verstehen können.
Dieses Gefühl, nach einem anstrengenden Familientreffen endlich wieder auf dem Heimweg zu sein.
Wann: 4. und 5. August 1923
Begleitung: Sein Sohn Eduard
Hotel: Russischer Hof
Deckname: Adolf Steinthal
Hotelrechnung: 570.000 Mark
Programm: Münsterbesteigung
und Verwandtenbesuch
Dokument: Brief an Elsa Einstein
vom 6. August 1923
Stadt Ulm, Einstein und seine Geburtsstadt; Albert Einstein, Brief an Elsa Einstein vom 6. August 1923, veröffentlicht in The Collected Papers of Albert Einstein; Christof Rieber, Albert Einstein. Biografie eines Nonkonformisten.






