Das Interview
„Ihr müsst die Handwerker wieder arbeiten lassen.“
Dr. Tobias Mehlich Geschäftsführer der Handwerkskammer Ulm
Wer einen Beruf lernt, um etwas zu bauen, will nicht den halben Tag Formulare bearbeiten. Dr. Tobias Mehlich, Geschäftsführer der Handwerkskammer Ulm, spricht über ein Land, das seinen Machern zu wenig zutraut, Roboter auf der Baustelle und die Frage, was das Handwerk selbst verändern muss.
Herr Dr. Mehlich, angenommen, der Bundeskanzler sitzt Ihnen gegenüber. Was muss er sich anhören?
Ihr müsst die Handwerker wieder arbeiten lassen. Gebt ihnen die Möglichkeit, ihr eigentliches Geschäft zu machen. Dann wird sich dieses Land entwickeln. Wenn Betriebe arbeiten können, verdienen sie Geld. Dann können sie Menschen beschäftigen, ausbilden und Steuern bezahlen. Das wirkt sich auf das ganze Land aus, auch auf die Stimmung.
Das klingt nach einer ziemlich einfachen Lösung. Was steht ihr im Weg?
Wir machen den Handlungsrahmen immer komplizierter. Unsere Betriebe müssen mit technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt halten. Das erfordert Investitionen und Finanzierung. Gleichzeitig wächst die Bürokratie.
Ein Schreiner, ein Zahntechniker oder eine Maurerin haben ihren Beruf aber nicht gelernt, um mehr als die Hälfte der Zeit mit juristischen Fragen, Förderrichtlinien, Finanzierungsbedingungen oder anderen begleitenden Aufgaben zu verbringen. Unsere Betriebe melden uns, dass solche Themen inzwischen mindestens die Hälfte ihrer Tätigkeit ausmachen. Das kann ein Land erdrosseln.
Bürokratieabbau verspricht die Politik seit Jahren. Warum kommt davon so wenig an?
Unsere erste Aufgabe muss sein, den weiteren Zuwachs überhaupt einzudämmen und zu brechen. Ein kleines Lenken nach links oder rechts wird nicht reichen. Wir brauchen tatsächlich einen Neustart. Sonst erzeugen wir einen Teil unseres Fachkräftebedarfs selbst, indem wir die ausgebildeten Macher mit Bürokratie zudecken.
Fehlen uns also auch deshalb Handwerker, weil die vorhandenen am Schreibtisch sitzen?
Wenn Fachkräfte sich mit immer mehr begleitenden Anforderungen beschäftigen müssen, fehlt diese Zeit für ihre eigentliche Arbeit. Dazu kommt etwas anderes: Selbstständige wollen aktiv sein, Verantwortung übernehmen und etwas gestalten. Wenn ihnen ständig Misstrauen begegnet und Kontrollregeln ihren Handlungsspielraum verkleinern, können sie die Lust verlieren. Und wenn man die Lust verliert, verliert man auch die Energie.
Woher kommt dieses Misstrauen?
Wir richten Regeln zu oft daran aus, was einzelne schwarze Schafe tun könnten. Natürlich gibt es die. Aber wenn wir deshalb alles immer schwieriger machen, unterstellen wir irgendwann allen schlechte Absichten. Dann bekommen wir ein dunkles Menschenbild und eine völlig überregulierte Welt.
Die meisten Betriebe wollen ihr Geschäft machen. Und sie wollen es hier, in diesem Land machen. Dafür brauchen sie vernünftige Bedingungen.
Sie hätten beim Kanzler noch einen zweiten Wunsch frei.
Kehren Sie zurück zur 40-Prozent-Grenze bei den Sozialversicherungskosten. Das Handwerk arbeitet mit Menschen. Menschliche Arbeit ist der Kern unserer Leistung. Wenn wir diese Arbeit mit immer höheren Beiträgen belasten, trifft das unsere Branche besonders hart. Ein System, das Arbeit mit Menschen so teuer macht, setzt aus meiner Sicht das falsche Signal.
Sie sind selbst Jurist. Warum setzen Sie sich ausgerechnet für Menschen ein, die lieber etwas bauen als Vorschriften lesen?
Mein Großvater war Schreiner. Ein angestellter Schreiner und Sozialdemokrat. Ein toller Typ, der mich beeindruckt hat. Das war meine erste Berührung mit dem Handwerk.
Die intensivere Beschäftigung kam durch mein Interesse an kleinen und mittelständischen Betrieben, besonders an familiengeführten Unternehmen. Dorthin hat mich mein juristisches Berufsleben geführt. Ich sehe in diesen Betrieben große Möglichkeiten, unser Land wirtschaftlich und gesellschaftlich in eine gute Richtung zu entwickeln.
Nun verändert künstliche Intelligenz ganze Berufsfelder. Kann sich das Handwerk entspannt zurücklehnen, weil eine KI keine Heizung einbaut?
Wir haben eine andere Ausgangslage. Am Ende unserer Arbeit entsteht etwas Reales: ein Gebäude, ein Tisch oder auch Zahnersatz. Viele dieser Leistungen sind hochindividuell und brauchen die menschliche Zutat. Deshalb sind wir in manchen Bereichen etwas sicherer aufgestellt.
Aber auch im Handwerk gibt es standardisierte Abläufe. Dort werden digitale Technik und Robotik ebenfalls eingesetzt werden. Wir sollten uns also nicht zu sicher fühlen.
Wann haben Sie zuletzt gedacht: Okay, das kann inzwischen auch eine Maschine?
Ich habe vor Kurzem einen Malerroboter gesehen, der einen Raum erfassen, ausmessen und anschließend ohne Abkleben weißeln kann. Mit visueller Technik und KI-Berechnungen. Das ist schon ziemlich großartig. Auch wir im Handwerk werden unsere Zukunft nicht ohne künstliche Intelligenz gestalten.
Der Roboter als Kollege statt als Konkurrent?
Für viele unserer Berufe ist das eine Chance. Wir haben im aktuellen Lehrjahr etwa 350 bis 400 Ausbildungsplätze, die wir nicht besetzen können. Und das, obwohl wir mehr Jugendliche ins Handwerk geholt haben als in den Jahren zuvor.
Wir wachsen, aber nicht genug. Angesichts der demografischen Entwicklung müssen wir auch darüber nachdenken, wie Technik helfen kann, fehlende Kapazitäten auszugleichen.
Trotzdem muss das Handwerk junge Menschen erst einmal für sich gewinnen. Reicht dafür das Versprechen, abends zu sehen, was man geschafft hat?
Wir müssen die heutigen Jugendlichen anders ansprechen. Junge Menschen wollen an modernen, gut ausgestatteten Arbeitsplätzen tätig sein. Das Handwerk hat sich als Arbeitgeber bereits stark verändert. Arbeitsbedingungen wurden verbessert, ebenso die Entgelte. Unsere Imagekampagne trägt ebenfalls dazu bei, mehr junge Menschen zu erreichen.
Auch im Betriebsalltag hat sich viel getan. Unsere neuen Auszubildenden kommen in diesem Jahr aus mehr als 70 Nationen. Die Betriebe haben sich für neue Kulturen geöffnet. Aber natürlich müssen wir weiter daran arbeiten.
Wo hat das Handwerk noch eine offene Baustelle?
Bei Frauen im Handwerk sehe ich großes Potenzial. Hier müssen wir uns noch stärker öffnen. Berufsbilder und Vorstellungen darüber, wer welchen Beruf ausübt, sind über lange Zeit geprägt worden. Wir arbeiten als Kammer daran, diese Vorstellungen aufzubrechen und die Möglichkeiten des Handwerks sichtbarer zu machen.
Und wenn zur Berufswahl irgendwann die Familienplanung kommt?
Dann haben wir durchaus etwas zu bieten. Unsere Betriebe sind häufig nah an den Lebensorten der Beschäftigten. Ihr Einzugsgebiet ist das Dorf, die Stadt oder die Region drumherum. Diese Nähe kann die Vereinbarkeit erleichtern.
Dazu kommen Möglichkeiten wie Teilzeit und flexible Arbeitszeiten. Familiengeeignete Arbeitsplätze können wir im Handwerk sehr gut anbieten.
Zum Schluss wird es konkret: Was wollen Sie in Ulm in den nächsten Jahren verändern?
Wir nehmen uns das größte Investitionsprojekt in der 125-jährigen Geschichte dieser Kammer vor. Wir wollen die Bildungsakademie in Ulm mit ihren rund 12.000 Quadratmetern Bildungsfläche modernisieren, sanieren und teilweise neu bauen.
Das ist eine große Investition in die berufliche Bildung. Sie haben gefragt, was das Handwerk selbst tut: Genau das. Wir schaffen moderne Ausbildungsplätze.
Was soll davon bleiben?
Ich möchte erstklassige, modernste Ausbildungsplätze für die Handwerker im Großraum Ulm schaffen. Das ist ein konkretes Ziel. Und eines, das uns in den nächsten Jahren herausfordern wird.






