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Du hast kein ADHS. Du hast Internet.

Plötzlich hat’s jeder. Der Kollege im Büro, die beste Freundin, der Typ auf TikTok mit den 500.000 Likes fürs „ich-kann-mich-einfach-nicht-konzentrieren“-Video. ADHS ist gerade das, was früher die Glutenunverträglichkeit war: eine Diagnose, die irgendwie jeder ein bisschen haben will.

Und die Zahlen geben dem Gefühl recht. Neudiagnosen bei Erwachsenen – vor allem bei Frauen – steigen seit 2012 kontinuierlich. Klingt erstmal nach Epidemie. Es ist aber nicht ganz so einfach.

Der Social-Media-Diagnose-Effekt

TikTok und Instagram haben ADHS enttabuisiert – das ist erstmal gut. Aber sie haben auch etwas anderes gemacht: Sie haben alltägliche Erscheinungen zu Krankheitssymptomen gemacht, in denen sich nahezu jeder wiedererkennen kann. Vergesslich? Prokrastinierst du gern? Kannst dich schlecht konzentrieren? Glückwunsch, laut Kommentarspalte hast du ADHS.

Das Problem: Diese Symptome sind nicht falsch – sie sind nur unspezifisch. Fast jeder Mensch mit Netflix-Abo und Diensthandy erkennt sich darin wieder. Das heißt aber noch lange nicht, dass eine neurologische Entwicklungsstörung dahintersteckt.
Dr. med. Charlotte Sauer, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberärztin der CuraMed Tagesklinik Neu-Ulm, bringt es als erfahrene Expertin in der Diagnostik und Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter auf den Punkt: Viele kommen schon mit der fertigen Selbstdiagnose in die Praxis. Die Aufgabe der Diagnostik ist dann, kritisch zu bleiben – nicht jedem, der sich in einem Reel wiedererkennt, sofort ein Rezept auszustellen.

Die eigentliche Diagnose heißt: Reizüberflutung

Was viele für ADHS halten, ist oft etwas anderes: ein Gehirn, das seit der Steinzeit nicht dafür gebaut wurde, im Dauerbeschuss aus E-Mails, Push-Notifications und Doomscrolling zu funktionieren.

Früher hieß Feierabend Feierabend.

Heute piept die Arbeits-WhatsApp-Gruppe um 22 Uhr. Und die „Pause“ zwischendurch – kurz durch Instagram scrollen an der Bushaltestelle – ist für das Gehirn keine Erholung, sondern zusätzlicher Input. Die Festplatte kommt nie zum Sortieren.

Das Ergebnis: innere Unruhe, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen. Sieht aus wie ADHS. Ist aber manchmal einfach ein völlig überlastetes, aber grundgesundes System.

Wie man es wirklich unterscheidet

Ein paar harte diagnostische Fakten, die im Trend gern untergehen:

  • ADHS ist zu rund 80 % genetisch bedingt – die höchste Erblichkeit aller psychischen Störungsbilder.
  • Die Symptome müssen schon in der Kindheit aufgetreten sein (heute: bis zum 12. Lebensjahr), nicht erst mit 35 im Stress-Job.
  • Sie müssen sich in mehreren Lebensbereichen zeigen – nicht nur im Büro, sondern auch privat, in der Schule, im Sport.
  • Und es braucht einen echten Leidensdruck, keinen Trend-Anschluss.

Wer erst seit drei Jahren „ADHS hat“, seit er in diesem Bürojob feststeckt: hat wahrscheinlich kein ADHS. Hat wahrscheinlich einen Job, der nicht zu ihm passt.

Und wenn es doch ADHS ist – ist das schlimm?

Nein. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft aus dem Interview: ADHS ist keine Charakterschwäche und kein Todesurteil. Menschen mit ADHS sind überdurchschnittlich oft kreativ, spontan, assoziativ im Denken, kontaktfreudig. Viele erfolgreiche Menschen in kreativen Berufen haben es – wissentlich oder nicht.

Ob ADHS zur Belastung wird, hängt stark davon ab, ob die Lebensumstände dazu passen. Ein rigider 9-to-5-Job mit monotonen Aufgaben ist für ein ADHS-Gehirn die Hölle. Selbstständigkeit, Abwechslung, kreative Freiheit dagegen können genau das Umfeld sein, in dem diese Denkweise zum Vorteil wird.

Die unsexy Wahrheit zum Schluss

Bevor man sich selbst diagnostiziert: Schlaf nachholen, Bewegung einbauen, Bildschirmzeit reduzieren. Es klingt banal, aber es ist durch Studien massiv belegt – schon 20 Minuten Bewegung, zwei- bis dreimal die Woche, senken das Stresslevel spürbar. Kein Wundermittel, aber näher dran als die meisten glauben.

Nicht jeder, der sich unkonzentriert und erschöpft fühlt, hat ADHS. Manche haben einfach zu viele offene Tabs im Kopf – und zu wenig Pause.

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