
In Ulm steigt aus dem Zug – und steht in Beton
Man kommt an. Der Zug rollt ein, Türen öffnen sich, erster Schritt auf Ulmer Boden. Früher war hier Luft, Blick, Bewegung. Heute sind da die Sedelhöfe. Glas, Stein, klare Linien. Ein Ort, der modern sein will. Und dabei erstaunlich wenig Gefühl hinterlässt.
250 Millionen Euro für einen ersten Eindruck
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Die Sedelhöfe wurden 2020 eröffnet. Die Investitionskosten lagen, je nach Quelle, zwischen 200 und 270 Millionen Euro. Für Ulm ein Großprojekt. Für die Stadtpolitik ein Statement. Hier sollte das neue Eingangstor entstehen. Urban, verdichtet, zeitgemäß.
Ein Projekt, das zeigen sollte: Ulm kann Großstadt denken.
Die Idee: Innenstadt bis an die Gleise
Der Bahnhof sollte kein Rand mehr sein, sondern Anfang. Wer aussteigt, sollte direkt in der Stadt landen. Einkaufen, Kaffee, weiterlaufen. Keine Leere mehr zwischen Schienen und Innenstadt, sondern Nutzung auf jedem Quadratmeter.
Verdichtung statt Brachfläche. Wirtschaft statt Stillstand.
Stadtentwicklung, wie man sie aus vielen deutschen Innenstädten kennt.
Die Realität: Man bleibt nicht stehen
Was auffällt, sobald man dort ist: Die Sedelhöfe sind kein Ort zum Bleiben.
Sie funktionieren als Durchgang. Als Verbindung. Als Abkürzung. Aber nicht als Platz.
Viel Stein. Große Pflasterflächen. Kaum Grün. Kaum Schatten. Sitzgelegenheiten wirken wie Alibi-Möbel. Wer hier steht, wartet meistens nur. Oder geht weiter.
Im Sommer wird das besonders spürbar. Hitze staut sich. Der Raum wirkt hart, fast abweisend. Urban vielleicht, aber nicht einladend.
Die Blau – da, aber unsichtbar
Die Blau ist zwar noch da. Aber sie wurde überbaut.
Man weiß, dass sie irgendwo fließt, doch man sieht sie nicht. Kein Blick aufs Wasser, kein Moment des Innehaltens. Als hätte man sich bewusst dafür entschieden, Natur unsichtbar zu machen.
Fast so, als würde jemand Wasser, Grün und Unordnung nicht mögen.
Übrig bleibt Stein. Viel Stein. Und das Gefühl, dass hier etwas verdrängt wurde, das Ulm eigentlich ausmacht.
Ein Fluss, der die Stadt prägt, spielt in den Sedelhöfen keine Rolle mehr.
Architektur ohne Einladung
Die Gebäude sind hochwertig geplant, sauber umgesetzt, technisch durchdacht. Aber sie wirken kühl. Nicht elegant kühl, sondern distanziert. Wie ein Ort, der sagt: Du darfst hier sein, aber bitte nicht länger als nötig.
Es gibt keine Ecken für Zufall. Keine Nischen für Stadtleben. Keine Bühne für das, was ungeplant passiert. Alles ist geordnet. Und genau das macht es leblos.
Was haben sie sich dabei gedacht?
Vielleicht genau das. Effizienz. Kontrolle. Klarheit.
Aber Stadt ist kein Funktionsdiagramm. Stadt lebt von Brüchen, von Schatten, von Grün, von Dingen, die nicht perfekt geplant sind.
Die Sedelhöfe lösen ein Problem. Sie schaffen Verbindung. Sie bringen Frequenz. Aber sie schaffen kein neues Stück Ulm, das man vermisst, wenn man nicht da ist.
Kein Skandal. Aber eine verpasste Chance.
Die Sedelhöfe sind kein Desaster. Sie sind wirtschaftlich sinnvoll, architektonisch korrekt, städtebaulich erklärbar. Aber sie fühlen sich austauschbar an.
Man hätte hier einen Ort bauen können, der sagt: Willkommen in Ulm.
Gebaut wurde ein Ort, der auch in jeder anderen Stadt stehen könnte.
Und genau das tut ein bisschen weh.




