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Von Neu-Ulm nach Griechenland

Wenn Dr. Andreas Schuler erzählt, hört man den Staub Griechenlands fast noch knirschen. Seine Doktorarbeit hat er nicht zwischen Bücherregalen geschrieben, sondern jeden Sommer im Süden – in einem alten VW-Bus, der so zuverlässig wie ein Ritual war. Jedes Jahr packte Andreas seine Sachen, drehte den Zündschlüssel um und fuhr los: einmal quer durch Europa, runter in die Hitze, dorthin, wo die Landschaft mehr Fragen stellt als beantwortet.

Seine Aufgabe klang eigentlich simpel: herausfinden, wo und warum Pflanzen aufhören zu wachsen. Eine klare Linie im Gelände, eine Art botanische Landesgrenze.

Nur: Diese Linie gibt es nicht.

Unterwegs lernte Andreas, dass Natur sich nicht an Tabellen hält. Manche Pflanzen hörten mitten im „perfekten“ Habitat auf, andere wuchsen noch dort, wo es keiner mehr erwartet hätte. Keine Regel, kein Muster – nur Freiheit, Chaos, Eigenwilligkeit.

Und vielleicht ist das genau der Punkt, der ihn bis heute prägt:

Andreas fuhr nach Griechenland, um Ordnung zu finden – und kehrte zurück mit dem Wissen, dass Natur vor allem eines ist: ein System, das sich nicht gerne vorschreiben lässt, wie es zu funktionieren hat.

Griechenland: Wo Forschung plötzlich Abenteuer wurde

Ende der 90er läuft Andreas Sommer für Sommer durch die griechische Berglandschaft. Sein selbstgewähltes Forschungsthema klingt so logisch, dass es schon fast pedantisch wirkt:

Wo und warum hört eine Pflanzenart eigentlich auf zu wachsen? Er wollte eine Grenze finden. Eine klare Linie. Doch je länger er suchte, desto deutlicher wurde: Die Natur kennt keine Grenzen. Jede Art macht ihr eigenes Ding. Chaos, sagt er. Aber ein schönes. Zwischendrin passieren Momente, die eher in eine Serie als in eine Doktorarbeit gehören – wie der rumänische Botschafts-Vertreter, der erst mit Familie im Studentenwohnheim zur Begrüßung von Austausch-Studentinnen auftauchte und am nächsten Tag allein wiederkehrt. Griechenland war eben nie nur Forschung. Es war auch Sitcom, Abenteuer und eine gründliche Lektion in Sachen „Natur funktioniert nicht nach Plan“.

Zurück in Deutschland: Und plötzlich wird’s ernst

Heute arbeitet Andreas in einem ganz anderen System: dem deutschen Artenschutz. Er ist der Mann, den man ruft, wenn gebaut, saniert oder abgerissen werden soll – um zu prüfen, ob irgendwo Tiere leben, die geschützt werden müssen.

Sein Job klingt nach Biologie, ist aber in Wahrheit eine Kombination aus Ermittlerarbeit, Vermittlung und Krisenentschärfung.

Andreas bewertet, dokumentiert, berät. Er schreibt Gutachten, entwirft Lösungen und sorgt dafür, dass weder Tiere noch Bauherren auf der Strecke bleiben.

Manchmal ist er der Held der Bauleute. Manchmal der Bösewicht für Nachbarn. Meistens irgendwas dazwischen.

Fledermäuse und ihr erstaunlich kompliziertes Wohnsystem

Dass Fledermäuse in Spalten, Rollladenkästen oder hinter schlecht montierten Dämmplatten wohnen, ist für Andreas Alltag. Und während viele Menschen nur den „Störfaktor Fledermaus“ sehen, kennt er ihre Lebensweise im Detail:

Sommerquartiere. Winterquartiere. Balzquartiere. Zwischenquartiere. Nordseite. Südseite. Wetterabhängig. Temperaturabhängig. Die Tiere wechseln ihre Standorte wie andere ihre Lieblingscafés.

Wenn Andreas eine Kolonie findet, heißt das nicht „Stop“. Sondern: Wie schützen wir die Tiere – und wie kann das Projekt trotzdem weitergehen? Es ist eine logische Aufgabe, keine ideologische.

Die eigentliche Krise spielt sich ganz woanders ab

Fragt man Andreas, wo das größte Problem im Artenschutz liegt, sagt er nicht „Fledermäuse“, „Kröten“ oder „Genehmigungsverfahren“.

Er sagt: „Wir haben zu wenig Nahrung da draußen.“ Die Felder sind leer. Die Landschaften aufgeräumt wie deutsche Schreibtische.

Zu wenig Totholz, zu wenig Unordnung, zu wenig blütenreiche Waldsäume, magere Wiesen, Insekten – und die sind nun mal die Grundlage für alles.

Während wir um einzelne Tiere in einzelnen Dachstühlen diskutieren, verarmen draußen ganze Lebensräume. Krähen ziehen in Städte, weil sie auf dem Land nichts mehr finden. Rehe und Wildschweine drängen in Vorgärten. Blütenpflanzen und Insekten werden weniger, während die Schutzlisten seit Jahren nicht aktualisiert wurden. 

„Wir schützen manchmal die Falschen, und die, die wirklich Hilfe brauchen, stehen zum Teil gar nicht drauf, und die Land- und Forstwirtschaft ist sowieso davon ausgenommen. Wenn der Münchner Flughafen eines der bedeutendsten Wiesenbrütergebiete ist, läuft in der restlichen Landschaft offensichtlich was schief “, sagt Andreas. Kein Vorwurf. Nur Fakt.

Zwischen Kühltürmen, Baustellen und Gesetzestexten

Andreas’ Einsatzorte sind so divers wie die Natur selbst:

  • An Kühltürmen und Reaktoren von Atomkraftwerken prüft er, ob dort noch Tiere wohnen.
  • In alten Kasernen findet er ganze Fledermauskolonien hinter Dämmplatten, die nie dafür vorgesehen waren.
  • An Einfamilienhäusern reicht ein Schwalbennest, um eine komplette Sanierung neu zu denken.

Er ist überall dort, wo Tiere leben könnten – und überall dort, wo Menschen darauf nicht vorbereitet sind.

„Es war mal mein Traumjob“ – aber geblieben ist etwas Größeres

„War“, sagt Andreas, wenn man ihn nach seinem Traumjob fragt. Nicht, weil er ihn nicht mehr liebt. Sondern weil der Job sich verändert hat.

Er wollte Tiere und Pflanzen schützen. Heute schützt er Tiere und navigiert durch menschliche Konflikte.

Er wollte draußen sein. Heute sitzt er oft vor Formularen und Beweisfotos.

Er wollte Klarheit. Heute arbeitet er in einem System, das mehr Fragen als Antworten produziert. 

Und doch bleibt er. Weil er etwas in der Stimme hat, wenn er über Ulm, München, den Bodensee oder Rottweil spricht. Etwas wie: „Ich weiß, warum ich das mache.“

Der rote Faden: Andreas ist der, der Natur und Menschen verbindet

Andreas hat in Griechenland gelernt, dass Natur frei ist. In Deutschland hat er gelernt, dass wir versuchen, sie in Regeln zu packen, die oft nicht passen.

Er lebt dazwischen:

Zwischen Wissenschaft und Alltag. Zwischen Politik und Biologie. Zwischen Berglandschaften und Dämmmaterial. Zwischen Menschen, die Natur lieben – und denen, die sie nur im Weg sehen.

Er ist kein Romantiker. Kein Aktivist. Und schon gar kein Bürokrat. Er ist jemand, der die Natur versteht – und die Menschen trotzdem aushält, auch wenn’s immer schwerer wird. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst.

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