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Es gibt sie noch, die Wunder

Wie ein Informatiker aus Ulm zur letzten Bastion gegen die Einsamkeit wurde – und nebenbei die Gesellschaftsspielwelt rettet.

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Der Laden heißt Spielespatz, und Ralf ist der Mann, der weiß, was du spielen solltest, bevor du selbst es weißt. Das ist kein Marketing-Gag. Das ist das, was die Leute in Ulm wirklich von ihm sagen.

Es gibt Momente, in denen merkt man, dass eine Ära endet. Die letzte Plattenladenkette schließt, die letzte Videothek verabschiedet sich in den digitalen Äther, der lokale Buchladen wird zur Eventfläche. Und doch gibt es da immer noch Menschen, die sich hinstellen und sagen: Nicht bei mir. Bei mir läuft es anders. Ralf ist so einer. Er sitzt in seinem Laden, ein ehemaliger Informatiker, der vor zwei Jahren beschloss, dass Bildschirme nicht die Antwort auf die Fragen seiner Generation sind. Und jetzt verkauft er das, was die ganze Zeit schon hätte offensichtlich sein sollen: Spiel, Spaß, Freude und vor allem Ablenkung.


“Relativ genau zwei Jahren mache ich das jetzt”, sagt Ralf. Er sitzt zwischen knapp 1.600 verschiedenen Artikeln. Nicht viel für solch einen langen Laden, könnte man meinen. Aber dennoch muss auf jeden Fall von neu bis alt nahezu alles da sein, was das Gesellschaftsspieleherz begehrt. Von Klassikern bis zu den neuesten Indie-Games, von Puzzle-Editionen bis zu Rollenspielsystemen, die aussehen wie Kunstwerke. “Hier auf Lager HBE”, sagt er, und man merkt, dass er das Lager kennt wie andere Menschen ihre Wohnzimmer.
Die Frage, die er am meisten gestellt bekommt, ist auch gleichzeitig die, die ihn am meisten nervt – aber mit der er diplomatisch umgeht. “Kann man davon leben?” Viel zu häufig, sagt er. Bestimmt zweimal im Monat. Und seine Antwort darauf ist weise: “Offensichtlich, weil sonst wäre ich nicht da.” Das ist das Gegenteil von Gejammer. Das ist Faktenlage.


Aber die Frage selbst ist interessant. Weil sie zeigt, dass Menschen nicht glauben wollen, dass es noch Orte gibt, an denen man von echtem Handwerk, von echter Leidenschaft, von echter Kundenbeziehung leben kann. Orte, an denen du nicht nur etwas kaufst, sondern wo jemand, der Ahnung hat, dir wirklich hilft. Spiel-Sommelier, haben ihn die Leute genannt. Und dabei bleibt es, weil das trifft es einfach. Du kommst rein, du weißt nicht, was du spielen willst, und Ralf schaut dich an und sagt dir in fünf Minuten, was du brauchst. Das ist Service wie in einer anderen Ära.


“Ich verkaufe Spaß”, sagt Ralf. “Ich verkaufe Freude und vor allem verkaufe ich Ablenkung.” Und das ist exakt das, was Menschen brauchen. Gerade jetzt. In einer Zeit, in der die Baustellenstress-Diskussionen auf Instagram überhand nehmen, in der Menschen sagen, sie fahren lieber nach Bibra, in der alle über den Weihnachtsmarkt jammern und trotzdem hingehen – dort sitzt dieser Mann und verkauft etwas, das losgelöst ist vom nervigen Alltag. Und das funktioniert. Weil die Produkte, die er anbietet, nicht von den Debatten betroffen sind. Sie funktionieren unabhängig von Parkplatzdiskussionen und City-Marketing.

Was sich in zwei Jahren verändert hat? Alles und nichts. “Sowohl innen als auch vor den Kulissen”, sagt Ralf. “Die Welt ist im Wandel. Die Leute passen sich an. Aber so wie sich meine Kundschaft anpasst, muss ich mich halt auch anpassen.” Er ist im engen Austausch mit seinen Kunden. Das ist nicht kundenservice-Sprech. Das ist sein echtes Geschäftsmodell.

Er genießt es, nah an den Menschen dran zu sein. Und genau deswegen kann er Zeiten, die sich verändern – und die verändern sich täglich fast schon – einfach mitgehen.
Die Faszination Videospiel ist nicht wegzudenken, das gibt Ralf zu. Aber das moderne Brettspiel hat unwahrscheinlich viel zu bieten. “Man muss das irgendwie lösen, dass man die Kinder nicht ganz daran verliert”, sagt er. “Man braucht halt einen guten Einstieg. Und dann sieht man, dass es Früchte trägt.” Ein kleiner Anfang, dann heranzüchten. Das ist sein Ansatz. Und Eltern, die keine Ahnung haben und reinkommen und fragen, was sie tun sollen – die finden hier Antworten. Real. Von jemandem, der sein Handwerk versteht.


Aber es geht um mehr als nur um Spielverkauf. Es gibt da diesen Moment, der für Ralf charakteristisch ist: Ein Paar kommt rein am Verkaufsoffenen Sonntag – Menschen, die ihn noch gar nicht kennen. Sie sind absolut schockiert und fassungslos, als Ralf ihnen fragt, ob er einen Tipp habe. In fünf Minuten. Weil das bei ihm normal ist: Man bekommt Sachen aus der Schachtel gezeigt. Man sieht, wie sie funktionieren. Die gute alte Welt. Und in der Region, sagt Ralf, gibt es das sonst einfach nicht. Das ist sein Alleinstellungsmerkmal. Nicht die Preise. Nicht die Quantität. Das Einkaufserlebnis.


Und dann gibt es die Community-Geschichten. Menschen, die alleine reinkamen, niemanden kannten, hier Leute kennenlernten und sich jetzt wöchentlich zum Spielen treffen. Spiele-Gruppen, die aus dem Nichts entstanden sind. Das ist nicht Marketing. Das ist organisches Wachstum von echter Verbindung. In einer Zeit, in der Einsamkeit größer wird, schafft dieser Mann einen Ort, an dem Menschen sich einfach begegnen. Ohne Druck. Ohne Agenda. Einfach durch das, was er anbietet.


Er sieht sich auch als Teil eines größeren Ganzen. Micha vom Herrenkeller – bestimmt zwei Jahre nicht mehr gesehen. Thomas vom Comic Home um die Ecke. Und diese kleine Gemeinschaft hält zusammen, auch wenn man das von außen vielleicht nicht wahrnimmt. “Dafür ist Ulm zu klein, sich gegeneinander aufzuhetzen”, sagt Ralf. “Das macht keinen Sinn.” Wenn Leute zu ihm kommen und nach Rollenspielen oder anderem Kram fragen, was er nicht im Sortiment hat – mindestens nicht in der Auslage – schickt er sie weiter. Vernetzung statt Konkurrenzdenken.

Das ist altmodisch geworden und genau deswegen so radikal.
Sein großer Plan für die nächsten Jahre ist, dass die Community noch viel opulenter wird, als sie ohnehin schon ist. Er will nicht nur ein Verkaufsort sein – “aber Amazon ist auch ein Verkaufsort”, sagt er mit einem Lachen. Er will ein place to be sein. Ein Ort, wo man nicht nur zum Kaufen herkommt, sondern auch eine gute Zeit hat. Unterwegs mit Freunden was spielen, Spieleabende, andere Veranstaltungen.


Die Puzzle-Nacht ist ein perfektes Beispiel. Diese Idee kam auf, und die Leute reagierten wie verrückt. Es gibt Puzzles in München. Es gibt Puzzles in Stuttgart. Und da fährst du hin, wenn du keine Alternative hast. Aber es gab das in Ulm nie. Jetzt gibt es das. “Du würdest nicht glauben, wie viele Puzzles es gibt”, sagt Ralf. Es war wirklich crazy. Drei Tische, hinten zwei Tafeln, vorne alles voll. Richtig viele Leute. Beim nächsten Mal war es noch größer. “Die Ulmer stehen auf Puzzle”, sagt er. Und das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass Puzzlesmiede, ein lokaler Puzzle-Hersteller aus Leipheim, dahinter stand. Anita und die Truppe von Made in Germany – die machen das dort drüben. Das ist das lokalste Produkt, das Ralf hat. Puzzlesmiede druckt nicht selbst, dafür brauchst du eine professionelle Druckerei. Aber die Puzzles werden noch in der Nähe gedruckt – 30 Kilometer von hier. Das ist lokale Wertschöpfung. Das ist das, worüber man nicht spricht, sondern das man einfach tut.


Und dann gibt es noch diese Momente, die unbequem sind. Eine Verabredung über den Laden – der Termin Ulm-Tinder-Alternative hat er schnell wieder fallen lassen. “Das war sehr unangenehm für die Dame”, sagt er. Und Ralf, als Moderator in seinem Laden, griff ein. Das musste nicht sein. Aber es zeigt auch das: Er sieht sich verantwortlich nicht nur für den Verkauf, sondern für die Menschen, die seinen Ort nutzen. “Ich bin nicht euer Dating-App”, heißt das unterschwellig. “Ich bin euer Ort.”
Es gibt da diese letzte Bastion-Mentalität bei Ralf. Nicht reißerisch, nicht dramatisch, sondern faktisch. Ein ehemaliger Informatiker, der gemerkt hat, dass die digitale Welt nicht alles beantwortet. Der sich hinstellt und sagt: Ich mache das anders. Und es funktioniert. Zwei Jahre lang. Mit 1.600 Spielen. Mit einem Laden, der nicht nur überlebt, sondern blüht. Mit Menschen, die reinkommen und plötzlich einen Ort haben. Mit einer Community, die aus dem Nichts entsteht, weil da einfach einer ist, der sagt: Komm her. Lass mich dir helfen.
Das ist keine Wundergeschichte. Das ist Handwerk. Das ist Leidenschaft. Und ja – es gibt sie noch, die Wunder. Sie sehen nur aus wie ein Mann, der zwischen 1.600 Spielen sitzt und dir in fünf Minuten sagt, welches genau dein nächstes ist.

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