
Die Gärtnerei fand keinen Nachfolger …
Es ist Sommer, und die Gärtnerei Röder in Ulm bringt noch einmal alles, was die Beete hergeben, hervor. Doch dieses Jahr ist anders. Die Ernte geht direkt an die Tafel – alle Tomaten, Gurken, alles. Und dann ist es vorbei. In wenigen Monaten beginnt ein neues Kapitel: Das Grundstück am Söflinger Kreisel, wo Jahrzehnte lang Gemüse und Obst wuchsen, wird zum Bauplatz. Der Unternehmer Constantin Zieher, der mit seiner Firma Fides das Projekt umsetzt, plant hier 62 Wohnungen – davon 40 Prozent zu geförderten Preisen. Aber vorher passiert noch etwas: Die letzte Anbausaison. Familie Röder darf noch anbauen, bevor die Bagger kommen.
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Wenn ältere Ulmeinnen und Ulmener von Röders Gärtnerei sprechen, sprechen sie von Konstanz. Von etwas, das einfach da war. Morgens um sieben Uhr öffneten sich die Tore, der Boden wurde gehackt, die Saatbeete gepflegt, und bis zum Nachmittag standen Körbe mit frischem Gemüse an der Straße. Das war nicht Lifestyle-Gardening, nicht Wellness für Großstädter, die sich nach Authentizität sehnen. Das war Produktion. Sicherung von Selbstversorgung. Handwerk, das Generationen überstand.
Die Röders waren nicht ausgestiegen. Sie waren drin geblieben, während rings herum alles floß: Die jungen Leute in die Startups, die Handwerksbetriebe in die Gewerbegebiete, die Landwirtschaft in die Ferne. Die Gärtnerei aber blieb. Jahrzehnte lang. Das ist bereits eine Leistung in einer Welt, die ständig umkrempelt.
Jetzt ist es Zeit für den nächsten Anfang. Die Röders haben die Entscheidung getroffen, einen neuen Weg zu gehen – nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Einsicht. Und Ulm, die Stadt, die immer schneller wird, bekommt dafür etwas, das sie verzweifelt braucht.
Die Schließung am Söflinger Kreisel
Schon Ende Oktober 2022 war Schluss. „Der Betrieb Blumen Röder wird nach über 100 Jahren aufhören”, teilte das Traditionsunternehmen damals seinen Kundinnen und Kunden mit. Seitdem ist der Blumenladen in der Weststadt geschlossen – was vielen Menschen auffiel, denn der Laden liegt am viel befahrenen Söflinger Kreisel. Ein markanter Ort. Wer dort vorbeifährt, sieht jetzt ein Schaufenster ohne Blumen. Dahinter, auf dem Grundstück, ging die Arbeit aber weiter: Anbau auf den Feldern und in den Gewächshäusern hinter dem Wohn- und Geschäftshaus.
Die Röders zogen sich aus dem Verkauf zurück, nicht aus dem Handwerk.
Doch jetzt ist absehbar Schluss damit. Das Ehepaar Röder hat den Großteil der Anbauflächen altershalber verkauft – an Constantin Zieher von Fides. Ein Ulmer Unternehmer, der dort mit seinem Unternehmen zwei Mehrfamilienhäuser errichten wird.
Für Zieher ist das Projekt etwas ganz Besonderes. „Das ist der letzte Acker, die letzte landwirtschaftlich genutzte Fläche mitten in Ulm. Ein Juwel”, sagt er. Und das stimmt: Dass es so etwas überhaupt noch gibt, ist fast unglaublich. Man ist wirklich erstaunlich schnell am Bahnhof, am Ehinger Tor – und trotzdem noch auf einer von Häusern umschlossenen Gärtnerei.
Dieses Jahr wird das Gemüse, das auf den Feldern Röders wächst, direkt zur Tafel. Alle letzte Tomate, alle Gurken, alle Blumenkohl: gespendet an die Menschen, die es am meisten brauchen. Es ist ein runder Abschied – der Gärtnerei, die immer gegeben hat, gibt auch am Ende noch.
Zieher hat den Röders das erlaubt, obwohl die Familie das Grundstück längst übergeben hat. Nicht für den Verkauf – das wäre zu aufwendig zu regeln. Sondern direkt zur Tafel. Er freut sich sichtlich über diese Lösung: „Somit gibt es bei der Ulmer Tafel das beste Gemüse in Ulm. Denn hier ist alles Bio.” Das ist eine großzügige Geste. Und es sagt auch etwas über beide Seiten aus: Die Röders, die geben; und Zieher, der versteht, dass echtes Handwerk wertvoll ist – auch wenn man es dann abbaut.
Ulm hat ein Wohnungsproblem. Nicht im dramatischen Sinne, aber in dem realen: Der Markt ist angespannt. Junge Familien, Single-Mütter, überall Menschen, die in einer Stadt leben wollen, die vorwärtsgehen soll – aber denen fehlt es an einem ganz grundlegenden Ding: einem bezahlbaren Platz zum Leben.
Die Wohnungssuche in Ulm ist lange nicht mehr das nebensächliche Thema von Hochschul-Neuzugängern. Es ist zur zentralen Frage einer Stadt geworden, die wächst und dabei nicht alle mitnimmt. Mehr Menschen wollen hier sein. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen. Aber es erfordert auch: mehr Platz.
Das Röder-Grundstück wird zu diesem Platz. Zieher plant 62 Mietwohnungen – und 40 Prozent davon zu geförderten Konditionen. Das ist mehr als die übliche Quote. Er hat beide Häuser der Umgebung angepasst: vierstöckige Gebäude mit Satteldach und Flachbau-Anbau, wie die Nachbarbebauung auch. Zwei Innenhöfe entstehen, eine gemeinsame Tiefgarage für die Autos, die Zufahrt kommt von der Thränstraße. Dort wird auch eine neue Sichtachse entstehen, die über das Röder-Grundstück hinüber zur Gneisenaustraße führt – eine städtebauliche Verbesserung.
Bis Herbst 2026 soll das Verfahren durch sein. Dann wird definitiv Schluss sein mit dem Anbau. Das ist die letzte Saison, die letzte Chance für die Stadt, diesen besonderen Ort noch so zu sehen, wie er ist.
Gärtnerei Röder war nicht nur ein Ort zum Arbeiten – sie war auch ein Statement: dass in einer modernen Stadt noch Platz ist für etwas, das langsam wächst, das man anfassen kann, das keine Rendite braucht um sinnvoll zu sein.
Das ist ein wirklicher Verlust. Nicht sentimental, sondern konkret: Mit der Gärtnerei geht eine Grünfläche, ein Handwerk, ein Wissen um lokale Produktion. Unter Hochdruck lebende Städte können sich so etwas schwer leisten. Es geht um einen Ort, an dem der Preis einer Tomate nicht abstrakt, sondern konkret war.
Und doch: Was die Fides-Gruppe an dieser Stelle baut, ist nicht die Alternative zum Guten, sondern die Antwort auf eine echte Frage. 60 Wohnungen, von denen 24 zu erschwinglichen Preisen – das sind Menschen, die jetzt einen Platz bekommen. Familien, die in Ulm bleiben können. Das ist auch ein Handwerk, nur ein anderes: der Handwerksbetrieb, Menschen ein Zuhause zu schaffen.
Die neuen Häuser werden wahrscheinlich nicht romantisch aussehen. Aber sie werden bewohnt sein. Und das ist, ehrlich gesagt, nicht weniger wertvoll als eine Tomate, die die Tafel versorgt.
In einigen Jahren werden Menschen in den Wohnungen der Fides-Gruppe leben. Sie werden ihre Fenster öffnen und auf einen Innenhof schauen, vielleicht mit ein paar Beeten für Balkongärten. Sie werden, wenn sie jung sind, vielleicht nicht wissen, dass hier mal echte Landwirtschaft war. Inmitten der Stadt.
Für sie wird es einfach nur ein Zuhause sein. Ein Ort, an dem sie bleiben können, weil die Miete passt. Ein Platz in einer Stadt, die voll wird und wachsen muss. Das ist wertvoll. Das ist wichtig. Das ist richtig.
Gleichzeitig ist es schade, dass die Gärtnerei geht. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie eine Leistung war: Jahrzehnte Handwerk, echte Produktion, ein Ort, an dem man verstehen konnte, dass Essen entsteht, nicht einfach da ist. Das werden wir vermissen. Und das ist okay, das auch zu sagen.
In wenigen Wochen rollen die Bagger. Die letzten Tomaten gehen an die Tafel. Und Familie Röder übergibt das Anbau-Grundstück an Menschen, die es in etwas Neues umwandeln.
Das Wohn- und Geschäftshaus mit dem ehemaligen Blumenladen am Söflinger Kreisel bleibt erhalten – das betont Zieher ausdrücklich. Auch die unmittelbar daran anschließenden Anbauflächen und Gewächshäuser behält die Familie Röder. Sie haben das Recht, den dort bestehenden Schuppen durch ein Wohnhaus zu ersetzen. So endet das nicht mit vollständiger Auslöschung, sondern mit einer Art Teilung: Hier bleibt das Alte, dort entsteht das Neue.
Das ist nicht dramatisch. Es ist einfach nur das Leben einer Stadt, die sich verändert. Und manchmal ist das gut und schade gleichzeitig.




