Folge uns auf

Sie versteckte eine Ziege im Kofferraum

Kerstin Sauerbrey wäre in der zehnten Klasse fast sitzen geblieben. Fünf Fünfer, zwei Wochen vor Notenschluss. Heute ist sie promovierte Tierärztin.

Das ist vielleicht die angenehmste Art, daran erinnert zu werden, dass ein Zeugnis manchmal einfach nur ein Blatt Papier mit sehr viel Selbstbewusstsein ist.

Kerstin erzählt diese Geschichte nicht wie jemand, der daraus im Nachhinein eine Heldinnenreise basteln will. Eher so, als wäre es damals halt ziemlich beschissen gelaufen und danach eben besser. Mathe war lange ein Totalschaden. Dann kam Stochastik und plötzlich schrieb sie Einsen und Zweien. Ihre Lehrerin kontrollierte die Arbeiten mehrfach. Offenbar war die Frau auf diesen Plot Twist nicht vorbereitet.

Manche Köpfe machen einfach nicht immer mit

Heute spricht Kerstin über ADHS, über Neurodivergenz und darüber, dass unser Schulsystem ziemlich gut darin ist, alle Kinder möglichst ähnlich aussehen zu lassen. Ruhig sitzen, zuhören, funktionieren, bitte nicht zu viel dazwischenfunken. Kerstin kennt das Gefühl, wenn der eigene Kopf bei manchen Dingen auf Stand-by geht und bei anderen plötzlich Vollgas gibt. Bei einem ihrer Kinder steht ADHS ebenfalls im Raum.

Sie sieht darin nicht nur Defizite. Im Gegenteil. Manche Menschen brauchen Reize, Abwechslung, Dinge, in die sie sich reinbeißen können. Das Problem beginnt erst dann, wenn das Umfeld findet, dass genau das gerade unpraktisch ist.

Bei Kerstin war Schule zeitweise so ein Umfeld.

Später war Tiermedizin plötzlich ziemlich passend.

Vorher musste aber erstmal eine Ziege in den Kofferraum

Dass Tiere irgendwann beruflich eine Rolle spielen würden, hätte man allerdings deutlich früher ahnen können.

Als Kind war Kerstin mit ihrer Familie an einem Streichelzoo. Sie fand eine kleine Ziege gut. Also nahm sie sie mit.

Nicht im Herzen.

Im Kofferraum.

Die Familie saß schon im Auto, alle angeschnallt, als sich das Tier von hinten bemerkbar machte. Damit war das große Auswanderungsprojekt Ziege beendet.

Jahre später machte Kerstins Schwester ein Praktikum beim Tierarzt und erzählte zu Hause jeden Tag davon. Kerstin fand das großartig. Tiere, Medizin, echte Fälle. Irgendwann war klar: Sie wollte Tierärztin werden.

Blöd nur, dass ihr Abischnitt bei 2,3 lag.

Plan B war einfach nochmal Plan A

Für Tiermedizin war das damals eher ungünstig. Also bekam Kerstin Absagen. Noch eine. Und noch eine. Das Semester begann längst, während sie immer noch keinen Studienplatz hatte.

Einen Alternativplan gab es nicht.

Das klingt im ersten Moment wahnsinnig entschlossen. Wahrscheinlich war es auch ein bisschen stur.

Kerstin sagt selbst: Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht sie es durch.

Im zweiten Nachrückverfahren bekam sie schließlich einen Platz in Hannover. Einen Monat nach Studienbeginn.

Plan B war damit offiziell abgesagt.

Hannover, München und die ganz normale Sache mit dem Internet

Hannover hielt nicht ewig. Die WG, das Umfeld, zwischenmenschlich wurde es irgendwann zu viel. Also organisierte Kerstin einen Studienplatztausch und ging nach München.

Dann arbeitete sie, um arbeiten zu dürfen

Nach dem Studium kam die Doktorarbeit. Unbezahlt.

Kerstin arbeitete parallel in Bürojobs, sortierte Akten und finanzierte damit ihre Forschung. Ein Jahr klinische Arbeit, dann schreiben, so war der Plan.

Nach diesem Jahr hieß es plötzlich sinngemäß: Wenn du dir das finanziell nicht mehr leisten kannst, dann schreibst du die Arbeit eben nicht.

Nach einem Jahr.

Kerstin sagt heute, dass sie daran noch immer ein bisschen knabbert. Nicht weil sie den Titel am Ende nicht bekommen hätte. Den bekam sie. Sondern weil all diese Arbeit beinahe einfach wertlos geworden wäre.

Ihr Doktorvater half, sie wechselte das Institut und zog die Sache durch.

Natürlich zog sie sie durch.

2015 promovierte sie.

Eigentlich wollte sie Kühe

Danach wollte Kerstin zu den Nutztieren. Kühe, Rinder, Schafe, Ziegen. Was man eben so macht, wenn man als Kind Tiere bereits in Autos verladen hat.

Die entsprechenden Praxen lehnten sie ab. Zu wenig praktische Erfahrung.

Also Kleintiere.

So landete sie in der Klinik, in der sie heute noch arbeitet.

Seit rund zehn Jahren.

Erste Stelle. Bis heute dieselbe.

Sie sagt, sie könne die Klinik im Dunkeln betreten und sich darin orientieren. Nach zehn Jahren, unzähligen Diensten und Nächten klingt das nicht einmal besonders übertrieben.

Das Chaos passt erstaunlich gut zu ihr

Tiermedizin ist kein Job für Menschen, die jeden Tag exakt denselben Ablauf mögen.

Ein Hund nimmt keine Tabletten. Eine Katze verweigert alles. Ein Fall passt nicht zum Lehrbuch. Eine Behandlung greift nicht so, wie man dachte. Dann muss umgedacht werden.

Kerstin mag genau das.

Sie braucht neue Reize. Neue Probleme. Etwas, woran sich der Kopf festbeißen kann.

Vielleicht ist es deshalb ausgerechnet dieser Beruf geworden. Ein Beruf, in dem man ständig reagieren muss, ständig neu denken muss und trotzdem genug Routine entwickelt, um nicht jedes Mal komplett durchzudrehen.

Für ihr Gehirn, sagt Kerstin, sei das ziemlich gut.

Die Tiere sind selten das eigentliche Problem

Was im Studium dagegen kaum vorkam: Menschen.

Tierbesitzer, die Angst haben. Menschen, die verzweifelt sind. Menschen, die wütend werden. Menschen, die Rechnungen nicht verstehen oder nicht verstehen wollen.

Und dann gibt es Google.

Wenn etwas nicht läuft wie erwartet, landet der Frust schnell dort. Ein Stern, ein Text, fertig.

Kerstin kann darauf oft nicht ausführlich reagieren. Datenschutz, Behandlungsdetails, rechtliche Grenzen. Die eine Seite kann öffentlich erzählen, was angeblich passiert ist. Die andere darf wesentliche Teile der Geschichte nicht offenlegen.

Das nagt.

Kerstin versucht deshalb lieber zu reden. Telefon, Mail, persönliches Gespräch. Sie sagt, sie sei auch nur ein Mensch. Natürlich könne sie Fehler machen. Mit Kritik könne sie umgehen, solange sie nicht bloß der nächste digitale Wutanfall ist.

Ein anonymer Drohbrief. Mit Rechnungsnummer.

Irgendwann bekam Kerstin einen Drohbrief.

Anonym. Aus München verschickt. Kein Absender.

Sehr geheimnisvoll.

Nur stand im Brief die Rechnungsnummer.

Damit war ziemlich schnell klar, um welchen Fall es ging.

Es ist fast komisch, wenn es nicht gleichzeitig ziemlich unangenehm wäre.

Kerstin versuchte trotzdem, Kontakt aufzunehmen.

Sie wollte reden.

Das sagt einiges über sie.

Ihre Kinder kennt in der Praxis fast niemand

So offen Kerstin wirkt, so bewusst schützt sie ihr Privatleben. Viele Kunden wissen nicht einmal, dass sie Kinder hat.

Das ist Absicht.

Nicht aus Distanz. Sondern aus Vorsicht.

Denn sobald man erlebt hat, wie schnell ein Streit über eine Behandlung oder Rechnung persönlich wird, beginnt man offenbar anders darüber nachzudenken, wie viel Fremde über das eigene Leben wissen sollen.

Kerstin sagt, das Schlimmste wäre für sie, wenn jemand ihre Kinder bedrohen würde.

Da hört jede Ironie auf.

Und trotzdem würde sie wieder Tierärztin werden

Das Verrückte ist: Nach all dem klingt Kerstin nicht wie jemand, der raus will.

Im Gegenteil.

Sie liebt ihren Beruf.

Weil jeder Tag anders ist. Weil sie Tieren helfen kann. Weil sie nie fertig ist mit Lernen. Und weil sie inzwischen weiß, dass man nicht alles wissen muss.

Ihr wichtigster Satz darüber ist fast angenehm unspektakulär: Man muss wissen, wo die eigenen Kompetenzen enden.

Dann fragt man jemanden, der es besser kann.

Vielleicht ist das am Ende auch die ganze Geschichte von Kerstin.

Sie hatte nie den perfekten Lebenslauf. Sie war fast sitzen geblieben, bekam keinen Studienplatz, wechselte die Uni, arbeitete unbezahlt an ihrer Promotion, wurde für ihren eigentlichen Wunschjob abgelehnt und landete woanders.

Dazu eine Ziege im Kofferraum.

Und trotzdem ergibt das Ganze rückblickend erstaunlich viel Sinn.

Nicht weil alles nach Plan lief.

Sondern weil Kerstin offenbar zu den Menschen gehört, die einen schiefen Weg nicht automatisch für den falschen halten.

Verwandte Beiträge

Mach mit!

Deine Geschichte einreichen | Ulmer Spickzettel Ulmer Spickzettel Geschichten aus...

Alle hielten sie für verrückt

Marion Baur hatte einen sicheren Job, ein geregeltes Einkommen und...

Eine Antwort hinterlassen