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Wie die Spanier

Wir brauchen mehr Kneipen.

Nicht, weil wir zu wenig trinken. Sondern weil wir uns zu wenig begegnen.

In Spanien versteht man das noch ziemlich gut. Da sitzt morgens der Rentner beim Kaffee, mittags der Handwerker beim Bier und abends die Familie bei Tapas. Studenten, Unternehmer, Arbeiter, Alte, Junge. Nicht geplant. Nicht kuratiert. Einfach nebeneinander.

Bei uns wird das gesellschaftliche Leben dagegen immer sauberer sortiert.

Die Akademiker unter sich. Die Gutverdiener unter sich. Die Jungen unter sich. Die Alten unter sich. Links in der linken Bubble, rechts in der rechten.

Fast wie gesellschaftliche Kasten. Nur mit WLAN.

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder fordert deshalb 10.000 neue Kneipen für Deutschland.

Und je länger man darüber nachdenkt, desto weniger bescheuert klingt die Idee.

Denn Demokratie braucht nicht nur Parlamente, Talkshows und Wahlkabinen. Sie braucht Orte, an denen Menschen aufeinandertreffen, die sich freiwillig wahrscheinlich niemals gegenseitig folgen würden.

Genau das kann eine Kneipe.

Da kannst du den Menschen mit der komplett falschen politischen Meinung nicht einfach wegwischen.

Er sitzt zwei Hocker weiter.

Vielleicht regt er dich auf. Vielleicht diskutiert ihr. Vielleicht bleibt ihr euch uneinig.

Aber irgendwann weißt du trotzdem, wie seine Kinder heißen, wo er arbeitet und warum er manches anders sieht als du.

Das klingt banal.

Ist es aber nicht.

Denn online passiert gerade das Gegenteil. Dort optimieren wir unsere Welt so lange, bis fast nur noch Menschen darin vorkommen, die ungefähr so ticken wie wir.

Und dann wundern wir uns, warum die anderen plötzlich komplett durchgedreht wirken.

Vielleicht sind sie gar nicht durchgedreht.
Vielleicht kennen wir sie einfach nicht mehr.

In Spanien ist die Bar vielerorts noch so etwas wie ein gemeinsames Wohnzimmer des Viertels.

Bei uns wird aus dem öffentlichen Leben zunehmend ein Reservierungssystem nach Milieu.

Jeder hat seinen Laden, seine Leute, seine Meinung und seinen Algorithmus.

Bloß keine Reibung.
Bloß niemanden treffen, der nervt.

Dummerweise ist genau diese Reibung ziemlich wichtig.

Demokratie bedeutet nämlich nicht, dass alle nett einer Meinung sind.

Demokratie bedeutet, dass Menschen, die sich teilweise überhaupt nicht verstehen, trotzdem denselben Tisch teilen können.

Auch in Ulm und Neu-Ulm wäre die Frage deshalb spannend: Haben wir eigentlich noch echte Kneipen oder nur Gastronomie für verschiedene Zielgruppen?

Wo sitzt heute noch der Geschäftsführer neben dem Monteur, die Studentin neben der Rentnerin und der Grünen-Wähler neben dem AfD-Wähler, ohne dass vorher ein Algorithmus entschieden hat, ob sie zusammenpassen?

Vielleicht brauchen wir tatsächlich mehr Kneipen.

Oder zumindest mehr Orte, an denen man Menschen trifft, die man sich nicht ausgesucht hat.

Mehr Tresen.
Mehr lange Tische.
Mehr zufällige Gespräche.
Mehr Spanien.
Weniger Bubble.

Denn wenn eine Gesellschaft irgendwann nur noch übereinander redet und nicht mehr miteinander, hilft am Ende auch das beste WLAN nichts.

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