
Das Mini-Münster
Ein vergessenes Wunderwerk der Nachkriegszeit – als die Welt noch im Maßstab 1:25 zu erleben war.
Es gibt Fotos, die eine Welt zeigen, die nicht mehr existiert – und doch so lebendig wirken, als wäre man selbst dabei gewesen. Eines dieser Bilder zeigt ein beeindruckendes Modell des Ulmer Münsters, eingebettet in gepflegte Grünanlagen, umgeben von Besuchern in der Mode der 1970er Jahre. Der Hintergrund verrät: Das ist kein gewöhnlicher Garten. Das ist der Minidomm.
Was war der Minidomm?
Der Minidomm war ein Miniaturpark in Ratingen-Breitscheid bei Düsseldorf und galt als eine der bekanntesten touristischen Attraktionen des Rheinlands. Der Architekt Wilhelm (Will) Dommel (1914–1988) begann bereits in den 1950er Jahren mit dem Aufbau dieser außergewöhnlichen Anlage, die ihm schließlich auch ihren Namen verdankt.
Besucher aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland kamen nach Ratingen, um die detailgetreuen Nachbauten berühmter Bauwerke zu bestaunen – allesamt im Maßstab 1:25 gefertigt. Der Park war mehr als eine Attraktion: Er war ein Versprechen, die Welt im Kleinen zu erfassen.
Das Herzstück: Das Modell des Ulmer Münsters
Eines der eindrucksvollsten Exponate des Minidomm war der Nachbau des Ulmer Münsters – der Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt. Das Original in Ulm ragt mit seinem Westturm auf stolze 162 Meter in den Himmel. Im Maßstab 1:25 bedeutete das noch immer ein Modell von etwa 6,5 Metern Höhe – eine beachtliche Erscheinung selbst im Miniaturformat.
Besonders bemerkenswert: Da keine Originalbauzeichnungen für das Modell vorlagen, mussten die erfahrenen Handwerker und Modellbauer auf historische Fotografien zurückgreifen. Jedes gotische Detail – die filigrane Maßwerkgalerie, die Strebepfeiler, das Portal – wurde akribisch rekonstruiert. Das Ergebnis war ein Meisterwerk der Miniaturkunst.
Eine Zeitreise in die Freizeitkultur der Nachkriegszeit
Das Foto, das diesen Artikel inspirierte, stammt vermutlich aus den 1970er Jahren. Man erkennt es an der charakteristischen Farbgebung des Dias, den Kleidern der Besucher im Hintergrund und der Atmosphäre des Parks selbst. Es war eine Ära, in der Miniaturparks europaweit Hochkonjunktur hatten – als Familien noch stundenlang durch gepflegte Anlagen schlenderten und in eine Welt aus Stuckfassaden und Miniatur-Kopfsteinpflaster eintauchten.
Der Minidomm war dabei mehr als Unterhaltung. Er vermittelte Bildung: Wer das Modell des Kölner Doms, des Heidelberger Schlosses oder des Ulmer Münsters bestaunte, der bekam einen Eindruck von Architektur und Geschichte, lange bevor das Internet dies im heimischen Wohnzimmer ermöglichte.
Das Ende eines Traums
In den 1980er Jahren begann der Niedergang. Große Freizeitparks mit Fahrgeschäften und Eventcharakter verdrängten die ruhigen Schauparks der Nachkriegsgeneration. Der Minidomm konnte mit dem neuen Zeitgeist nicht mithalten. Schließlich wurde der Park aufgelöst – die liebevoll gefertigten Modelle wurden versteigert und sind heute in alle Welt verstreut.
Was bleibt, sind Erinnerungen – und hin und wieder ein altes Dia aus einer Schublade, das plötzlich wieder auftaucht und uns in eine vergangene Welt zurückversetzt. Eine Welt, in der das Staunen noch im Maßstab 1:25 möglich war.
📷 Das Titelbild zeigt den Miniaturpark Minidomm in Ratingen-Breitscheid, aufgenommen in den 1970er Jahren. Das abgebildete Modell ist ein Nachbau des Ulmer Münsters im Maßstab 1:25.




