Die Bunkernacht

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Die DDR existierte von 1949 bis 1990, war ein sowjetischer Satellitenstaat und wurde unterteilt in 16 Bezirke. In jedem dieser Bezirke hatte das Ministerium für Staatssicherheit einen Bunker gebaut. Das Waldhotel Rennsteighöhe bietet regelmäßig ein 16-Stunden-Reality-Erlebnis in einem der ehemaligen Stasi-Bunker an. Wir waren dabei.

Ankunft um 17:30 Uhr, nach drei Stunden und zwölf Minuten Fahrt. Es ist kalt, die Nacht wird noch kälter. Das bekommen wir gesagt als wir damit beginnen, uns in ehemalige Soldatenuniformen des DDR-Militärs zu bewegen. Ziviles Leben auf wiedersehen. Willkommen DDR. Hallo Bunkerkommandant. Dieser möchte zu Beginn des Reality-Erlebnisses unsere DDR-Wehrdienstausweise sehen (die wir natürlich nicht haben). Der Fahrer des des Militärjeeps parkt in der Zwischenzeit sein Fahrzeug vor unseren Füßen, als wir in Reih und Glied auf die nächsten Befehle warten. Es wirkt echt. Wie echt es ist, wie die Menschen aus der ehemaligen DDR über die Zeit in einer Diktatur denken- das werden wir in den folgenden Stunden heraus finden.

Um 18 Uhr: Bunker suchen

Es ist kalt, dunkel, die Sterne leuchten hell über unseren Köpfen. Unsere Beine treten in etwas Weiches, das leicht nachgibt und knackt, als der Lichtkegel der Taschenlampe unseres vorgesetzten Soldaten auf den Boden fällt, merken wir schnell, dass es keine warme Nacht wird: Überall um uns herum ist der Boden gefroren. Gefrorener Tau. Nach fünf Minuten wandern in einem dunklen Tunnel ohne Orientierung, sehen wir vor uns, gut versteckt, den Eingang des Bunkers. Sofort nach Ankunft, der erste Befehl: Betten beziehen. Diese stehen in einem schmalen, höhlenartigen Schlauch mit kalten Wänden in Reih und Glied, zwischen zwei Betten stets ein schmaler Spind. Zehn Minuten Zeit, dann erscheint der Bunkerkommandant und kontrolliert. Die Fehlerquote ist hoch. Noch einmal zehn Minuten. In dieser Zeit hängen zwei weitere Bunkergäste eine „original Flagge der DDR“ auf, wie sie sagen.

18:30 Uhr: Bunkerführung

Bis zu vier Wochen hätte die 130-Mann starke Besatzung des Bunkers in einem Ernstfall völlig abgeschlossen von der Außenwelt überleben können. Die Belüftungsanlage war simpel gebaut, bestand (und besteht) aus relativ wenig Teilen und war aus diesem Grund einfach zu bedienen- was nach Aussage des Bunkerkomandaten ein Vorteil gegenüber der westlichen Technik war.

19:30 Uhr: Abendessen

Das Bunkerpersonal setzt sich zu uns an den Tisch. Zum ersten Mal an diesem Abend merken wir – zu unserer Erleichterung- dass wir gute Schauspieler vor uns haben – und keine Fans einer untergegangen Diktatur. Trotzdem: Die Menschen aus der ehemaligen DDR reden in den nächsten Stunden – zwischen Thüringer Wurst, Fritz Cola und Wodka Gorbatschow – von „Ihr“ (Menschen aus dem Westen) und „Wir“ (Bürger der ehemaligen DDR). Wir lernen: Nicht alles in der ehemaligen DDR war schlecht. Gut war zum Beispiel der Zusammenhalt zwischen den Menschen. Jeder half sich aus, es gab nicht diese künstliche Anonymität. Aber auch über die negativen Dinge in der DDR wird gesprochen. Herr Schlütter, ehemals Volkspolizist in der DDR und nun Bunkergast, möchte gar nicht erst wissen, wer in seinem damaligen Umfeld alles Mitarbeiter der Stasi waren. “Ich kann es mir denken, dazu brauche ich keine Einsicht in die Akten.”, sagt er.

21:00 Uhr: Grenzgängerjagd

Plötzlich, wie aus dem Nichts, ertönt ein ohrenbetäubender Lärm. Der Bunkerkommandant informiert uns schreiend, dass oben, weit über uns, vor den Toren des Bunkers, eine Person unerlaubter Weise das Gelände des Bunkers betreten hat- und wir müssen sie einfangen. An der Oberfläche angekommen, ist es taghell: Auf einem Wachturm wirft ein Scheinwerfer einen grellen Lichtkegel über das Gelände, in dessen Mitte sich der gesuchte Grenzgänger befindet. Beide springen wild hin und her. Und wir machen mit. In diesen Stunden lernen wir besser als in jeder ARTE-Dokumention, wie das Regime der DDR tickte und was unter dem Begriff „Sowjetideologie“ zu verstehen ist. Nach einigen Minuten haben wir den Grenzgänger gefangen genommen. Allerdings nur ein paar Sekunden, dann sind wir wieder Freunde und der Grenzgänger frei.

22 Uhr: Gedankenaustausch

Nachdem wir in der Garage des Bunkers frühere Militärfahrzeuge, wie Militärtrappi und Militärlastwagen angeschaut haben, nehmen wir, die Gäste der Nacht und das Bunkerpersonal, einen gemütlichen Sitz ein und reden. Lange. Und ausgiebig. Mirko, einer der Gäste, erzählt uns, dass seine Mutter Blumen sehr mag. Nach der Wende war sie in einem westlichen Blumengeschäft. Nach ein paar Minuten fing sie zu weinen an, sie wurde mit dieser Fülle an Angeboten und Reizüberflutung nicht fertig. Herr Schlütter, der ehemalige Polizist der Volkspolizei in der DDR berichtet, dass er vier Jahre brauchte, um die Wende und den Anschluss der DDR an die BRD zu überwinden. In den ersten Jahren brachte er es nicht fertig, mit einem “Wessi” zu sprechen.

01:22 Uhr: Bett

Die Wand ist kalt, die Decke dünn und die Schnarcher laut. Trotzdem schlafen wir tief und fest- bis pünktlich um sieben Uhr dreißig der Alarm ertönt und der Bunkerkommandant zum Morgensport ruft. Wir ziehen uns binnen Sekunden an und reihen uns vor den Toren des Bunkers in Reih und Glied auf. Jeder der zehn Bunkergäste macht in den folgenden Minuten abwechselnd vor, was die anderen neun Gäste nach machen müssen: Yoga, Kniebeuge etc. Angenehmer Morgensport.

08:00 Uhr: Hotel

Nach dem Sport ist unser Reality-Erlebnis vorbei. Während die anderen Gäste nach dem Saunieren und einem ausgiebigen Frühstück nach Hause fahren, bleiben wir noch eine Nacht. Nicht aber im Bunker, sondern imWaldhotel Rennsteighöhe, das sich nur ein paar Meter entfernt befindet. Dort bekommen wir kein Zimmer, sondern gleich eine ganze Wohnung für die nächsten 24 Stunden. 100 Quadratmeter. „Zur Erholung“, wie es heißt. Und das machen wir gerne.